Interview

"Mein Stil hat mich total gelangweilt"

Mit dem sanften Jazzpop ihrer bisherigen drei Alben hat Norah Jones, die Tochter von Sitar-Legende Ravi Shankar, die Welt erobert. Doch am Ende ödete sie der eigene Sound an. Steffen Rüth sprach mit der 30-Jährigen über ihre neuen Stücke und den Versuch, das Leben neu zu sortieren.

Berliner Morgenpost: Würden Sie ihr Album "The Fall" als Neuerfindung der Norah Jones bezeichnen?

Norah Jones: So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist schon richtig, ich wollte dieses Mal etwas anderes ausprobieren und mit anderen Musikern arbeiten.

Berliner Morgenpost: Die neuen Lieder klingen schön groovig und rhythmisch.

Norah Jones: Jaaa! Das wollte ich. Ich hatte einfach keine Lust, dass die Platte wieder so ruhig wird. Was angesichts meiner Stimme, die nun mal so ist wie sie ist, immer schnell passiert. "The Fall" sollte etwas ruppiger und weniger sanft klingen.

Berliner Morgenpost: Die meisten Menschen mögen Ihre Musik zumindest halbwegs. Würden Sie lieber stärker polarisieren?

Norah Jones: Nein, ganz und gar nicht. Ich stimme Ihnen allerdings nicht zu. Es gibt genug Leute, die Norah Jones und ihre Songs hassen wie die Pest. Was ihr gutes Recht ist.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich mit Ihrem alten Stil und Ihrer alten Band gelangweilt?

Norah Jones: Irgendwie schon. Ich hatte all diese Songs schon vor über einem Jahr in meinem kleinen Studio aufgenommen. Mit meiner bisherigen Band. Aber irgendwie hörte sich alles ein bisschen öde und unspannend an. Also beschloss ich, einen dicken Strich zu ziehen.

Berliner Morgenpost: Der aus einem komplett neuen Team bestand.

Norah Jones: Ja. Mit Jacquire King besorgte ich mir einen frischen Produzenten. Auch die Band ist vollständig ausgetauscht. Immerhin spielte ich acht Jahre lang immer mit denselben Leuten. Irgendwann gelingt es dir dann nicht mehr, dich gegenseitig noch zu überraschen.

Berliner Morgenpost: Auf dem Album fehlt auch Ihr langjähriger Lebenspartner, Bassist und Co-Songschreiber Lee Alexander.

Norah Jones: Richtig, Lee ist nicht mehr dabei.

Berliner Morgenpost: Sie bezeichnen "The Fall" als "heftige Beziehungsplatte". Warum?

Norah Jones: Songschreiben läuft bei mir immer total im Unterbewusstsein ab. Man schreibt und sammelt, und nach ein, zwei Jahren guckt man und wundert sich. In der letzten Zeit hat mir mein Unterbewusstsein klare Signale gegeben. Mein Leben gab diesmal eine Menge Stoff her. Aber nicht nur meins. Auch viele Freunde haben in letzter Zeit große Veränderungen erlebt. Das hängt mit dem Alter zusammen. Wir sind jetzt alle um die 30. Also in dem Alter, in dem man entweder heiratet, sich trennt, ein Kind bekommt oder sich einen Hund anschafft.

Berliner Morgenpost: Sie haben sich für die Möglichkeiten Nummer 2 und 4 entschieden.

Norah Jones: Wie auch immer. Auf meinem vorherigen Album "Feels like Home" habe ich mich intensiv mit Politik befasst, damals war ich extrem wütend auf unsre Regierung. In "My dear Country" habe ich ausgedrückt, wie sehr ich hoffe, dass Bush und seine kranke Politik nur ein böser Traum wären. Zum Glück hatte ich einigermaßen recht.

Berliner Morgenpost: Politisch läuft es in den USA dank Barack Obama also wieder besser...

Norah Jones: ...und dafür zerbrach meine Beziehung in tausend Scherben.

Berliner Morgenpost: Einige Songs des Albums handeln von einem sich trennenden Paar.

Norah Jones: Okay, ich rede zwar nicht gern drüber, aber ich will auch nicht so tun, als sei es das große Geheimnis: Lee und ich sind nicht mehr zusammen. Seit Anfang 2008 schon nicht mehr.

Berliner Morgenpost: Kam die Trennung plötzlich?

Norah Jones: Eher schleichend. Ich habe zuletzt beruflich viel Zeit allein verbracht und mich mehr und mehr daran gewöhnt. Lee und ich kamen zusammen, als ich 20 war. Irgendwie hat mir die Zeit gefehlt, mich erst mal selbst zu finden. Dann kam ja auch gleich dieser Erfolg. Ich habe also nie gelernt, was ich so machen kann, wenn ich alleine bin.

Berliner Morgenpost: Haben Sie es inzwischen gelernt?

Norah Jones: Ja, aber das hat gedauert. Ich hatte immer Angst, ich würde mich langweilen, wenn ich allein bin. Aber ich kann das heute viel besser, als ich es für möglich gehalten hätte.

Berliner Morgenpost: Sie haben früher fast alle Lieder mit Lee Alexander geschrieben. Welche Umstellung war größter: die persönliche oder musikalische Trennung?

Norah Jones: Die persönliche. Wenn du neun Jahre zusammen warst, trennst du dich nicht einfach so von heute auf morgen. Die Band komplett auszutauschen, hatte aber nicht wirklich mit dem Ende unserer Beziehung zu tun. Das wäre so oder so passiert. Die Band war ausgebrannt, da kamen einfach keine Impulse mehr. Nicht nur ich wollte was Neues machen, so ging es allen. Und die Trennung? Ja, es war hart.

Berliner Morgenpost: Und der einzige männliche Gefährte, den Sie noch haben, ist Ihr Hund. Oder um wen geht es im Song "Man of the Hour"?

Norah Jones: (lacht) Oh, ja. Ich dachte, am Ende dieses heftigen Beziehungsalbums muss was Leichtes kommen.

Berliner Morgenpost: Handelt es sich bei dem Hund um den Bernhardiner auf dem Cover?

Norah Jones: Nein, der ist ein Model. Mein eigener Hund ist kamerascheu. Er heißt Rowlf und ist total süß. Er sieht aus wie der Hund bei den Muppets, deshalb heißt er auch so.

Berliner Morgenpost: Was hat der Erfolg Ihrer ersten Platte eigentlich mit Ihnen gemacht?

Norah Jones: Wenig. Ich versuche insgesamt, möglichst wenig an die Verkäufe und das alles zu denken. Denn ich will so normal leben wie möglich.

Berliner Morgenpost: Nicht allen Musikerinnen gelingt es so gut, nicht verrückt zu werden.

Norah Jones: Vieles hängt von deinem Umfeld, deinen Freunden, deiner Familie ab. Ich war immer von Menschen umgeben, für die es nicht das Wichtigste war, ob ich nun zehn oder 15 Millionen Platten verkaufte.

Berliner Morgenpost: Ist Ihnen Erfolg denn gleichgültig?

Norah Jones: Nein, aber ich bin nicht von ihm abhängig. Andererseits bin ich nun mal ganz oben eingestiegen. Und auch wenn ich weiß, dass sich der Erfolg von "Come away With Me" nie wiederholen wird, hat das Album die Latte extrem hoch gelegt.

Berliner Morgenpost: Und was machen Sie in der Freizeit?

Norah Jones: Ich bin einfach zuhause, lese Bücher, koche, male Bilder, töpfere und gehe mit Rowlf um den Block.

Berliner Morgenpost: Das aufregende Leben eines Stars.

Norah Jones: Oh ja. Ich würde meinen langweiligen Alltag für kein Geld in der Welt eintauschen wollen.