Diskussion

Wie Araber "intelligent" einen Aufstand führen

Gaddafi wäre schon tot, wenn sich Deutschland, China, Russland und Brasilien bei der jüngst verabschiedeten UN-Resolution nicht enthalten hätten, sagt Boualem Sansal, 1949 im algerischen Téniet el Had geboren.

Er ist Gast bei der Podiumsdiskussion "Wende in der Arabischen Welt?", zu der das Haus der Kulturen der Welt am Sonntag geladen hatte. Boualems steile These erzeugt ein Raunen im schwach ausgeleuchteten Auditorium. Manche klatschen Beifall.

Diskussionsgäste sind heute eine Reihe von Menschen, die aufgrund von Biografie oder Beruf einen besonderen Bezug zur Arabischen Welt haben. Sie alle haben viel zu erzählen, sprudeln förmlich. Weil jeder Gesprächsteilnehmer das in der Sprache tun soll, die ihm am meisten liegt, sind alle der rund 200 Zuhörer per drahtlosem Kopfhörer mit Simultanübersetzern verbunden.

Hisham Matar bedankt sich auf Englisch für die Einladung. Besonders freue er sich, dass die Veranstaltung in Berlin stattfinde, denn: "Die Stadt kennt sich mit nationalen Psychosen besonders gut aus", sagt der Schriftsteller, der 1970 als Sohn libyscher Eltern in New York City geboren wurde und anschließend in Tripolis und Kairo aufwuchs. Dann wird es rührend, denn der emotionalisierte Matar erzählt von Libyen und davon, dass der Aufstand vielen Bürgern zum ersten Mal gezeigt habe, dass das Leben mehr zu bieten hat als Planbarkeit und Tristesse.

Rolle der Neuen Medien

In vollen drei Stunden geht es dann um die sich überschlagenden Ereignisse in den arabischen Staaten. Viele Fragen stehen im Raum. Wird das Bild, das wir Deutsche von den Medien vermittelt bekommen, den tatsächlichen Ereignissen gerecht? Ein Algerier aus dem Publikum meldet sich in der Fragerunde zu Wort und spricht von der "intellektuellen Skepsis im bequemen Europa". Er selbst zumindest sei stolz auf seine Nachbarländer.

Auch die Bedeutung der Neuen Medien kommt aufs Tapet. Hätte es die ägyptische und tunesische Revolution auch ohne Facebook und Twitter gegeben?, fragt Amira El Ahl, die als Korrespondentin im Nahen Osten für namhafte deutsche Medien berichtet und die Diskussionsrunde moderiert. Ja, sagt der in Kairo geborene Journalist Chalid al-Chamissi. "Wir dürfen den Verstand der Menschen in der arabischen Welt nicht unterschätzen und Facebook überschätzen". Das Aufbegehren des ägyptischen Volkes gegen die Obrigkeit sei historisch nichts wirklich Neues.

Besonders eindrucksvoll ist auch die Schilderung von Aida Eltorie. Die junge Ägypterin ist Begründerin des Internationalen Netzwerks projects.org, das Projekte in Nahost und der Mittelmeerregion realisiert. Als Jüngste der Runde kann sie am meisten zum Themenkomplex Internet beisteuern und schwärmt in perfektem Englisch von einem PDF-Dokument mit dem Titel "Wie man intelligent einen Aufstand führt", das jüngst als E-Mail kursierte und wesentlich dazu beigetragen habe, die wütenden jungen Revolutionäre im Land friedlich zu halten. Nur so sei es möglich gewesen, Mubarak die Zähne zu zeigen. Eltorie glaubt an die Neuen Medien, spricht von der Sperrung des Internets, von einem idealistischen Mädchen und deren online gestellten YouTube-Video und von der Macht der sich vernetzenden Bürger.