Theater

Das Wort zum Bild

"Russkimi subtitrami" steht für eine kleine Theater-Revolution. Und die beschränkt sich nicht nur aufs Russische. In den Spielplänen der Bühnen tauchen jetzt häufiger Hinweise auf wie "con subtítulos en castellano", "surtitré en francais" oder "with English surtitles". Ein Trend zur Internationalität.

Die Übertitel sehen die Theater als Service für in Berlin lebende Ausländer an. Nebenbei erschließen sie sich neue Zielgruppen. Denn anders als bei einer Ballett- oder Opernaufführung spielt der Text im Schauspiel eine wichtige Rolle - und schreckt Theatergänger, die nur wenig Deutsch sprechen, von einem Besuch ab.

Während die Schaubühne als Vorreiter der Übersetzungen diese schon länger im Programm hat - der Schwerpunkt liegt auf Französisch und Englisch -, hat das Deutsche Theater damit gerade erst begonnen. Wer spät kommt, muss etwas Neues bieten: Neben Englisch bietet das Haus Spanisch, Russisch und Polnisch. Auch das Maxim Gorki Theater plant Übertitel - zumindest für einige Inszenierungen. Kein Vergleich zum Berliner Theatertreffen, das für die nächste Ausgabe des Festivals im Mai eine 50-Prozent-Quote anpeilt. Allerdings einsprachig.

Verspannungen inklusive

Aufs Englische beschränkt sind die Übersetzungen beim Theatertreffen. Gewissermaßen der Minimalkonsens, um möglichst vielen ausländischen Gästen entgegenzukommen. Deren Erwartungshaltung ist hoch: Warum nicht alle zehn eingeladenen Inszenierungen übersetzt werden, wird Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg immer wieder gefragt. Sie verweist dann auf das begrenzte Budget. Und auf Regisseure, die das nicht wollen. Christoph Marthaler lehnte im vergangenen Jahr aus ästhetischen Gründen eine Übersetzung ab, weil die Aufführung fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde. Übertitel machen beim Theatertreffen im Festspielhaus ihrem Namen alle Ehre: Sie werden nämlich hoch über der Bühne auf das Portal projiziert. Optimal für im Rang sitzende Zuschauer, bei denen im Parkett kann das allerdings zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Verspannungen im Nackenbereich führen. Oder zum Schmunzeln: So wurde bei Luk Percevals Fallada-Adaption "Kleiner Mann - was nun?" aus "Murkel" - dem Kosenamen für den kleinen Jungen - "Shrimp".

Die passende Übersetzung solcher Begriffe oder auch Redewendungen bildet aber ein vergleichsweise kleines Probleme bei der Übertitelung. Gefragt ist die Kunst des Weglassens. Nicht nur bei wortkaskadenartigen Pollesch-Abenden, die sich naturgemäß einer Übertitelung widersetzen. "Es kann nicht jedes Wort übersetzt werden", betont Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters (DT), "aber komische Szenen sollten auch so rüberkommen". Nachdem die Inszenierung "Diebe" nach Mexiko eingeladen worden war, hatte das DT beschlossen, die dafür eigens angefertigten spanischen Übertitel gelegentlich auch in Berlin zu zeigen. Als zusätzliches Angebot. Khuon spricht von "Multinationalität" und "interkulturellen Signalen", die das Deutsche Theater aussendet: "Wir wollen auch Menschen jenseits des deutschen Bildungsbürgertums den Zugang zum Theater ermöglichen."

Auch bei der Schaubühne standen die Auftritte im Ausland am Anfang der Übersetzung in Berlin. "Der Erfolg eines Gastspiels hängt wesentlich von den Übertiteln ab", davon ist Tobias Veit überzeugt. Der künstlerische Produktionsleiter der Schaubühne muss es wissen, schließlich gehört sein Theater zu den reisefreudigsten in Berlin. Über 900 Vorstellungen fanden außerhalb Berlins statt, seit Thomas Ostermeier vor gut elf Jahren die künstlerische Leitung des Hauses übernommen hat. Auftritte in Frankreich sind dabei schon fast Routine - das erklärt auch das große Repertoire an französischen Untertiteln -, aber allein im vergangenen Jahr kamen Gastspiele in New York, Moskau, Seoul, Madrid und anderen Städten dazu. Laut Veit kommen in Berlin "etwa 30 Prozent der Zuschauer gezielt zu einer Vorstellung mit Übertitel. Und auf die schaut das Theater genau drauf. Denn seit Regisseur Thomas Ostermeier vor einigen Jahren bei einem "Nora"-Gastspiel ziemlich enttäuscht von der Übersetzung war, die das einladende Festival angefertigt hatte, arbeitet die Schaubühne mit einer Übertitelungsfirma zusammen.

Eigentlich klingt die Aufgabe einfach. "Der Plot muss vermittelt werden und wesentliche Dialoge", betont Tobias Veit. Wichtig seien der Rhythmus, die Übersetzung beziehungsweise die Rückübersetzung bei einem Gastspiel mit einem Shakespeare-Stück in England, dem Heimatland des Dichters, und das Kürzen, damit die Zuschauer sich nicht "zwischen Lesen oder Zuschauen entscheiden müssen". Im Idealfall geht beides, wenn die Titel richtig platziert sind. Die Schaubühne hat den Ehrgeiz, darin maßstabsetzend zu sein. Wenn es möglich ist, versucht das Theater die Übersetzung gewissermaßen ins Bühnenbild zu integrieren. So wünschte sich Thomas Ostermeier für seinen "Hamlet", dass die Sätze möglichst immer in der Nähe der Titelfigur gezeigt werden. Was Hamlet-Darsteller Lars Eidinger gelegentlich dazu verlockt, mit den Einblendungen zu spielen.

Marthaler parodiert die Übersetzung

Diese Nähe funktioniert nicht immer und manchmal liegt es an einfach an widrigen Umständen. So fiel wegen des strömenden Regens bei einem Schaubühnen-Gastspiel beim Hamlet-Festival in Helsingör die Elektrik aus. Aber weil dort im vergangenen August auf Schloss Kronborg, dem authentischen Hamlet-Schauplatz, ausschließlich dieses Shakespeare-Drama gezeigt wurde, verzichtete man kurzerhand auf die Übertitelung. Weil man glaubte, dass die Besucher dieses sehr speziellen Festivals das Stück kennen.

Davon kann man im Repertoirebetrieb natürlich nicht ausgehen. Im Schnitt werden vier bis fünf Aufführungen pro Monat an der Schaubühne beziehungsweise am Deutschen Theater mit Übertiteln angeboten. An der Volksbühne gibt es bei Frank Castorfs "Nach Moskau! Nach Moskau!"-Inszenierung eine deutsche Übersetzung, wenn auf der Bühne russisch gesprochen wird. Unvergessen aber bleibt eine Parodie aus den neunziger Jahren. Christoph Marthaler hatte an der Volksbühne die Offenbach-Operette "Pariser Leben" inszeniert - und übertitelt. Als dann auf der Bühne "LaLaLaLaLaLa LaLaLaLaLaLa" gesungen wurde, erschien als Übersetzung:"LaLaLaLaLaLa LaLaLaLaLaLa". Damit jeder im Saal die Botschaft auch wirklich versteht.