Ausstellung

Die Spur der Steine

Der Mann ist ein Wanderer. Spaziert durch die Welt und betrachtet die Landschaft. "Art made by walking in landscapes", nennt er das. Wo Richard Long schon überall war? In den Anden, in der Sahara oder der Schweiz und natürlich in England.

Da kommt der Land-Art-Künstler her. Überall unternimmt er Wanderungen, sammelt Steine oder trägt Wasser von der Mündung eines Flusses bis zur Quelle - verzaubert von der Metaphysik der Natur. Der 65-Jährige, dem vor zwei Jahren eine große Schau in der Tate Britain gewidmet war, strahlt Harmonie aus. Der Einzelgänger ist nicht ganz so schweigsam wie die Steine, mit denen er seine Kreise zieht. Etwa den "Berlin Circle". Die Bodenarbeit im Hamburger Bahnhof entstand 1996 auf Einladung der Neuen Nationalgalerie zur Eröffnung des neuen Museums für Gegenwartskunst. Grauer Schiefer, kreisrund. Jetzt ist sie wieder zu besichtigen.

Das Wandern ist des Künstlers Lust

Der Brite kehrt zurück. Mit seiner ersten musealen Einzelschau in Deutschland seit zehn Jahren. Sie bietet das Kontrastprogramm zu Carsten Höllers Rentierzoo. Nichts als Steine, Schlamm und mythische Kreise, so einfach, so schön. Am Boden, an der Wand, in der zentralen Haupthalle. Die füllt der britische Künstlerphilosoph, der von der Arte Povera, der Minimal Art, der Land Art, aber auch der Performance das für ihn Wesentliche aufsaugte, nun allein. Wie die Sonne strahlt seine neueste Arbeit, "River Avon Mud Circle", an der eingezogenen Rückwand. Dort, wo sonst das Licht von draußen herein scheint, spricht nun Longs metaphysische Kunst. "Es ist eine Kombination aus Mensch und Natur", erklärt er, der keine drei Stunden brauchte, um mit der Hand den verdünnten Schlamm aufzutragen. Weil er so fix ist, tropfte es. Die Spritzer seien der Einfluss der Natur. Darauf habe der Mensch keinen Einfluss.

Humor besitzt er auch, sonst würde er nicht über den "Mud Circle" aus dem Schlamm des Avon witzeln: "Es ist ein Porträt von mir und England." Der Künstler trägt ein schwarzes T-Shirt mit einer großen weißen Hand. Es demonstriert das Werkzeug dieses bescheidenen Menschen, dem das Wandern schlicht "Freude macht". In den sechziger Jahren entwickelte er daraus einen ganz neuen Skulpturbegriff: die Bewegung in der Zeit.

Der Betrachter kann sie jetzt nutzen und den tollen, durchkomponierten Raum auf sich wirken zu lassen. Es geht um Meditation, um Spiritualität, nicht um Verhaltensforschung oder etwa Wissenschaft. Kunst bleibt ja letztlich die Lehre von der Unerklärbarkeit der Dinge. Long mag seine schon gar nicht erklären, lapidar wie sie ist. "A Line made by Walking", hieß eine seiner frühen Arbeiten 1967, in der er das Laufen in der Landschaft festhielt. Er war einfach geradeaus gegangen und hatte später die im Gras zurückgebliebene Linie fotografiert.

Der Kunstbetrieb ist Long fremd

Ungefähr die Hälfte seiner Arbeiten entsteht in der Natur und ist vergänglich. Der 1945 in Bristol geborene und bis heute dort lebende Brite versteht das auch als kritische Reaktion auf die klassische Gattung Skulptur und den kommerziellen Kunstbetrieb. An letzterem nimmt der Künstler, der viele wichtige Preise erhalten hat, zwar teil, steht aber trotzdem außen vor. Mit Assistenten zu arbeiten, kann er sich zum Beispiel nicht vorstellen.

Sieben Arbeiten präsentiert er im Hamburger Bahnhof. Sie entstammen der hauseigenen Sammlung sowie der von Erich Marx. Einige sind Leihgaben der Galerie Konrad Fischer. "Wir sehen das Ganze auch als Hommage an den Sammler Erich Marx, der 90 Jahre alt wird", so der Leiter des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume. Ein Geburtstagsgruß, der im Obergeschoss des Museums noch mit mehr Land Art aufwartet.

Gezeigt werden Objekte, Zeichnungen, Filme, Fotos, Pläne aus den reichen Beständen der Nationalgalerie. Von Joseph Beuys über Jan Dibbets und Michael Heizer bis zu Richard Long, Dennis Oppenheim und Robert Smithson reicht das Spektrum. Stille Magie, soweit das Auge reicht. "Meine Kunst liegt in der Natur der Dinge", so Long, der die schönsten Landschaften in Irland und Bolivien fand. In der Stadt wandert er übrigens nicht: "Das tun andere".