Plastikmüll

Gerd Rohling arbeitet am schönen Schein der Kunst

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Andrea Hilgenstock

Ein Mann sieht Rot. Er inhaliert Pigmente wie eine Linie Koks. Dann bezieht der Künstler Posten über den Dächern und pustet Farbwolken in die Luft.

Auf wundersame Weise verfärben sich Satellitenempfänger, irdische Handydisplays und Computerbildschirme abstrakt. Ein Rausch in Rot ergreift im Videofilm von der medialen Realität Besitz. Die Kunst als geheimnisvolle Himmelsmacht oder doch nur Hokuspokus?

Gerd Rohling ist der Mann mit heißem Draht nach oben. Was er anfasst, wird verwandelt und verzückt den Betrachter. Er arbeitet am schönen Schein. Ihn führt er in Bildern, Skulpturen, Aktionen und Videos lustvoll auf den Boden der Tatsachen zurück: ein ironischer Schelm im Anzug des Zauberers, der schon mal das Licht der Welt einsperrte. Ein Romantiker auch, der der Schönheit huldigt und Gläser aus Plastikmüll formt. Vor zwei Jahren nahm seine Installation aus kostbar anmutenden Gefäßen im Hamburger Bahnhof gefangen. Der passionierte Sammler von Fundstücken hatte sozusagen Wasser in Wein verwandelt. Am Strand von Neapel aufgelesene Zeugnisse der Wegwerfgesellschaft erhob er schnitzend, schweißend und schneidend zu Skulpturen, die in mystischer Beleuchtung wie antike Raritäten wirkten. Die ideale Skulptur beschreibt der Berliner Künstler so: "Sie muss rund sein, scharfe Kanten haben und unbedingt einige Ecken. Sie soll gefüllt sein mit Musik und Dich so anschauen, dass Du rot wirst." Ein einziger Widerspruch, aber wirkungsvoll.

In der neuen Galerie von Florent Tosin kann man eine Reminiszenz an jene Wunderkammer "Wasser und Wein" im Büro des Galeristen erleben. In den drei großen Galerieräumen folgen aktuelle Arbeiten, die sich zum stimmigen Ganzen runden. "Rouge" heißt die Schau, die eine Antwort gibt auf die Frage: Was ist Kunst in der Gesellschaft? "Schminke", sagt Rohling. Zweimal täglich sucht der 64-Jährige nach ausgemusterten Dingen und wehe, er sieht einen Kühlschrank am Straßenrand liegen: Sofort entsteht ein Wohnzimmer. Neben der originell verfremdeten Pizzeria-Abzugshaube, gefunden auf seinem Lieblingsschrottplatz im Wedding, hat der Gesamtkunstwerker Herrenschuhe platziert, darüber eine Tafel mit der Aufschrift "Feuilleton" und viel rote Farbe. Man darf schmunzeln über dieses Bild: die Guckkastenbühne, in der sich ein Flügel spreizt, und der Rezipient, der die Sache blumig ausmalt, die doch unlesbar bleibt. Denn die Kunst behält ihr Geheimnis, wenn sie wirklich gut ist.

Galerie Florent Tosin , Potsdamer Str. 81 c, Tiergarten. Tel. 26 10 33 57. Di-Sa, 12-18 Uhr. Bis 23. April. www.florenttosin.com .