Diskussionsreihe

Die Entdeckung der intelligenten Talkshow

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Sören Kittel

Nur von den Zahlen her betrachtet, hat die Diskussion am Donnerstagabend nichts gebracht: Zu Beginn stimmten 35,7 Prozent der Gäste der These "Ohne Religion wäre die Welt besser dran" zu, am Ende waren es 35,5 Prozent. Doch die neue Diskussionsreihe "Disput/Berlin!" war trotzdem sehenswert, weil selten auf einem Podium so unterhaltsam, klug, höflich und persönlich gestritten wurde.

Rund 200 Gäste waren zur Premiere in die Villa Elisabeth in Mitte gekommen. Genau 80 davon hatten Karten gekauft für je 23 Euro, damit sie Publizisten wie Alan Posener ("Welt am Sonntag") oder Matthias Matussek ("Der Spiegel"), die Unternehmerin Gloria von Thurn und Taxis, die Islam-Kritikerin Necla Kelek und den Theologen Wolfgang Huber beim Diskutieren erleben konnten. Wie üblich in Berlin, war der Dresscode leger (Jeans und T-Shirt) bis extravagant (knallrotes Kleid mit knallroten Strümpfen und leuchtgrünem Rucksack - "Schau, eine Ampel", wie eine Kollegin mit fröhlicher Gehässigkeit bemerkte).

Eine neue Form der Debatte hatten die Veranstalter Jutta Falke-Ischinger und Karl Ratzek versprochen und deswegen nicht nur die These extra radikal formuliert, sondern auch strenge Regeln vorgegeben, die Moderator Stefan Aust durchsetzen sollte: Jeder der acht Disput-Teilnehmer darf einen vierminütigen Vortag halten, Pro und Contra immer abwechselnd. Den Anfang machte die Juristin Monika Frommel aus der "Pro"-Sektion, die das verkündete, worauf sich ihr Team vorher in einem benachbarten Restaurant verständigt hatte: Nicht gegen Religion solle hier argumentiert werden, sondern gegen ihre organisierte Form, also die Kirche. Sie plädierte für eine Ethik des Mitgefühls und dafür, dass moralisches Handeln auch außerhalb der Kirche vermittelbar sei. Dem ehemaligen Berliner Landesbischof Wolfgang Huber war es ein leichtes, ohne Notizen und mit rhetorischem Geschick dagegen zu halten. Er gab zu, selbst Momente des Zweifelns zu haben, sei sich aber letztlich sicher: "Religion ist mehr als Moral." Ganz wie in einer Predigt beschwor er dann ein aktuelles Bild aus der Zeitung: Ein alter Japaner, der für sein Land zu Gott betet. Nicht nur in solchen Situationen biete Religion Halt.

Das wiederum warf ihm gleich darauf Alan Posener in seinen vier Minuten vor: "Japan hätte besser vorsorgen sollen, dann müsste dieser alte Mann nicht beten." Nachdem er noch eine Radikalisierung der Religionen festgestellt hatte, die er "Schärfung des Markenkerns" nannte, musste er sich allerdings von Matthias Matussek vorwerfen lassen, sich in früheren Artikeln schon positiv zum Glauben geäußert zu haben. Da ging es um einen Zugang zum Glauben über Kunst, etwas, das er, Matussek, ganz ähnlich sehe: "Wer hat denn schon einmal Mozarts 'Krönungsmesse' gehört, ich meine wirklich gehört!".

Das war dem - rhetorisch überraschend gewandten und schlagfertigen - Mathematiklehrer und Kirchenkritiker Philipp Möller zu einfach gedacht. Er ätzte: "Wer leichter glaubt, wird schwerer klug." Möller störe vor allem, dass ein moderner Staat wie Deutschland mit Milliarden einen Mythos finanziere, "den sich Hirten vor 2000 Jahre ausgedacht haben". Sein Fazit: "Mehr bilden statt beten. Mehr Pauker statt Pfaffen. Mehr Möller statt Mixa." Die Gegenseite mobilisierte daraufhin den katholischen Theologen Wilhelm Imkamp, der dem Mathematiker Möller die Wahrscheinlichkeitsthese von Blaise Pascal entgegenhielt: Wer am Ende seines Lebens feststellt, dass es einen Gott gibt, und vorher an ihn glaubt, der hat dann gute Chancen auf das Himmelreich. "Gott ist ein Restrisiko, mit dem Atheisten leben müssten."

Inspiriert wurde Disput/Berlin! von der britischen Diskussionsreihe "Intelligence zum Quadrat", kurz IQ², die es inzwischen auch in den USA gibt. Das neue Streit-Format aus Berlin hat auch das Zeug zu einem Publikumsliebling, wenn ein Moderator mit heiterer Strenge durch die Runde führt und die Diskutanten bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und für ihre Sache zu kämpfen. In Erinnerung wird bleiben, wie der katholische Theologe Imkamp dem Berliner Lehrer Möller "am liebsten ein Küsschen gegeben" hätte und der evangelische Theologe Huber den atheistischen Publizisten Aust taufen würde. "Zum Sondertarif."