Publikumsfestival

Die seltsame Massentauglichkeit der schrägen Musik

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Volker Blech

Wenn das Festival MaerzMusik morgen endet, werden wieder rund 10000 Besucher dabei gewesen sein. "Damit sind wir ein Publikumsfestival", sagt Matthias Osterwold selbstbewusst.

Und was der Leiter damit sagen will: Normalerweise trifft man bei Festivals für Neue Musik immer nur die Kennergemeinde, eine kleine eingeschworene Schar, die meist nur sich selbst versteht. Nach zehn Jahren MaerzMusik kann Osterwold bilanzieren, dass "es gelungen ist, die unterschiedlichsten Strömungen der Neuen Musik im Festival zu präsentieren und deren Vertreter miteinander ins Gespräch zu bringen." Das betrifft gerade auch die Publikümer. Die alte West-Berliner Besucherdominanz zu durchbrechen, war eine Strategie des Intendanten Joachim Sartorium, als er im Auftrag des Bundes vor zehn Jahren die Berliner Festspiele übernahm - eine Art Holding mit mehreren bedeutenden Festivals. Die sollten sich in alle Himmelsrichtungen hin öffnen, Osterwold ist Sartorius' Spezialist für alles Schräge und Unerklärliche in der Neuen Musik.

Der freut sich über die "lebendige Stimmung" bei der diesjährigen MaerzMusik: "Gerade auch, weil einige Produktionen viel Humor in sich tragen. Das ist eine Qualität, die nicht immer in der Neuen Musik vorhanden war." Aber natürlich benutzt auch der Festivalchef szenetypische Formulierungen wie "die Entgrenzung der Musik ins Intermediale". Gemeint ist die Wagnersche Sehnsucht nach einem Gesamtkunstwerk, die die Avantgarde des 20. Jahrhunderts in verschiedenste Richtungen weiter träumte. Das Festival widmet sich seit Anbeginn dieser Tradition, im Jubiläumsjahr sind Filmmusik, Videokunst und Performances das Hauptthema.

Diesmal gibt es eine weitere Besonderheit. Da die Berliner Festspiele gerade ihr Festspielhaus renovieren, musste sich die MaerzMusik nach anderen Aufführungsorten umschauen. "Wir sind in die Stadt ausgeschwärmt und haben wie Kultur-Nomaden auf Sonderorte Konzerte zugeschnitten", sagt Osterwold. So zog man zur Eröffnung ins einstige Café Moskau an die Karl-Marx-Allee. Der Auftakt mit Rebecca Saunders "Chroma" hat Osterwold gerade deshalb gefallen, weil in dieser Räumlichkeit das Spiel der wandelnden Musiker, aber auch des sich frei bewegenden Publikums besonders gut gelang. Darüber hinaus ist das Festival in einen angesagten Club gegangen. "Im Berghain hatten wir bei der Klanginstallation 30 der üblichen Verdächtigen erwartet, dann kamen 150. Wir kommen auf diesem Wege leichter an junge Leute ran als in konventionellen Konzertbetrieben."

Dass sich dahinter der Generationskonflikt der Klassischen Musik auftut, will Osterwold so generell nicht stehen lassen. "Wenn man an neue Orte geht, die mit einer anderen Klientel verbunden sind, hat man natürlich bessere Chancen, ein neues Publikum für seine Musik zu begeistern." Aber natürlich sei das auch vom jeweiligen Programm abhängig, manches gehöre einfach in den etablierten Konzertsaal. Problematisch bleibt für Osterwold eher, wenn "ein normaler Typus Musiker als Performer agiert." Das wirke dann, so konnte er wieder beobachten, etwas altmodisch und aufgesetzt. Umgekehrt können "gute Performer sogar schwächere Stücke zum Erlebnis machen". Den jungen holländischen Pianisten Ralph van Raat, der in der Universität der Künste erstmals auftrat, hätte Osterwold statt in einer kleiner Matinee besser "schön opulent am Abend" platzieren müssen.

Zum Finale versucht die MaerzMusik, eine Industriekathedrale zu bespielen. Für Osterwold eine Empfehlung: "Das Projekt im Trafo Kraftwerk Mitte ist der Versuch, einen großen industriellen Raum durch audiovisuelle Performances und Installationen in den Griff zu kriegen."

Die Berliner Festspiele vollziehen gerade einen Generationswechsel: Zum Jahresende wird Intendant Sartorius vom derzeitigen Salzburger Schauspieldirektor Thomas Oberender abgelöst. Neue Chefs setzen neue Schwerpunkte. Wird es die MaerzMusik weiterhin geben? Oberender schätze die Musikfestivals, sagt Osterwold, aber die Gespräche haben gerade erst begonnen. Er selbst glaubt, auch im nächsten Jahr die MärzMusik zu gestalten.