20. Echo-Verleihung

Eine Familie zum Knutschen

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Michael Pilz

Der Rote Teppich ist an diesem Abend violett wie blühender Flieder. Es ist ein besonderer Teppich in einem besonderen Jahr. Zum ersten Mal seit langer Zeit haben die meisten, für die Musik ihr Broterwerb ist, das Gefühl, das Schlimmste hinter sich zu haben.

Nach Jahren des beispiellosen Niedergangs einer Branche wirkt der Teppich nicht wie Läufer zur Vorhölle. Und so wird dieser Echo auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil ein neues Gefühl zu verspüren war. Vielleicht ist es kein "Wir-Gefühl", das wäre wohl zu pathetisch, aber zumindest ein stillschweigendes Abkommen: Die Zeit der Zickigkeiten, der Auseinandersetzungen, der Ausgrenzungen innerhalb der Musiker ist vorüber.

Der Teppich, der von den Parkplätzen hinein in die Berliner Messehallen, ins Palais am Funkturm führt, ist anders als all die anderen roten Teppiche, denn er liegt für alle da. Es ist ein offener Teppich: Menschen aus dem Fernsehen schreiten ihn gemessen ab. Für aufstrebende Sängerinnen stehen Scheinwerfer bereit. Gestandene Künstler wie die lichtscheue Annette Humpe nutzen schattige Außenbahnen. Auch das zahlende Fußvolk, das den Festsaal füllen darf, läuft durch die Gasse kreischender Kinder. So kommt es vor, dass sich der Blogger Sascha Lobo wegen seines roten Haarkamms fragen lassen muss, in welcher Band er spiele. Oder dass Trainer Markus Babbel mit Campino von den Toten Hosen einmarschiert und eine helle Stimme wissen will: "He, Markus, wie heißt denn dein Freund?"

Auf Augenhöhe mit den Stars

Seit Deutschland eine eigene Popkultur besitzt, wird ihre Provinzialität beklagt. Ihr Mangel an Esprit und Glamour. Aber vielleicht ist das nur der Preis für Stars auf Augenhöhe und für demokratische Verhältnisse. Seit 1992 wird der Echo überreicht, der deutsche Grammy. Ein Musikpreis, der exakt bemisst, was Deutschland wirklich hört, er wird vergeben von der Plattenindustrie, anhand der Jahresabschlüsse. Beim Grammy urteilt eine Jury, die Academy. Über den Echo stimmt das Volk ab, an der Ladenkasse und mit der Kreditkarte im Internet. Zur 20. Verleihung wurden Sitze und Tribünen in die Messehalle 18 auf den Fußboden geschraubt. Die Gäste steigen durch verrostete Gerüste in den Saal, wo schon Bernd Neumann auf der Bühne steht, der Staatsminister für Kultur, er lobt die "kulturelle Vielfalt ohne Subventionen" und die "Kreativwirtschaft". Dann geht die ARD auf Sendung, und Bernd Neumann wird ersetzt durch Ina Müller.

Ina Müller ist bekannt aus Mundart-Sendungen, als Selbstdarstellerin und hemmungslose Sängerin. Sie stürmt die Bühne und stimmt Lieder an aus 20 Echo-Jahren, bis Vertreter aller Gattungen und Genres mit ihr neben 30 trommelnden Matrosen stehen und ein Stück von Lady Gaga singen. H.P. Baxxter und Max Mutzke, Peter Maffay und Die Atzen, Stefanie Heinzmann und Andrea Berg: der Echo als Familienfeier einer Branche, die sich nach der Absatzkrise in den Nullerjahren wieder sammelt. Das Musikgeschäft bricht auf ins digitale Zeitalter, und alle müssen mit. Die Schlagersänger und die Kirmeskasper, die Lustigen und Ernsten, Alt und Jung. Vor 19 Jahren nahm Campino seinen Preis als Punk entgegen und versenkte ihn einer Mülltüte, um sich mit Udo Jürgens nicht gemein zu machen. Heute spendet er auch den Amigos Beifall, volkstümlichen Veteranen, die den Echo ihren Müttern widmen. Ina Müller trinkt ein Bier und fordert dazu auf, die Schubladen herauszureißen aus den alten Schränken. Sie führt nicht nur durch die Show. Sie soll das deutsche Popgeschäft mit rustikalem Witz und heiseren Befehlen in die Zukunft führen.

Seit der Echo überreicht wird, geht es um die Dimension des Preises. Er fing klein in Köln an und kam vor zehn Jahren über Hamburg nach Berlin. 2009 wuchs er in der O2 World über sich hinaus, um bereits im vergangenen Jahr die wirtschaftliche Lage mit dem Rahmen der Verleihung wieder überein zu bringen. Er bleibt kleiner. Der Musikmarkt wächst nach innen. Man erfährt, dass 20 000 Schrauben für die Show benötigt wurden, und man nimmt es hin, dass ein paar Schrauben locker sind. Als Lena Meyer-Landrut den ersten ihrer beiden Echos in den Arm nimmt, nennt sie ihn den "allergrößten Musikpreis". "Der ist so was tierisch Großes", ruft sie. Und die Anwesenden seufzen, weil sie wissen, dass die Zahlen, die dahinter stehen, auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, und weil Lena ihnen langsam auf die Nerven geht.

Es herrscht ein zunehmender Wildwuchs der Kategorien. 27 sind es mittlerweile. Immer mehr kommen in den Genuss einer Trophäe, und die Fülle ebnet auch die Grenzen und Geschmäcker ein. Der blonde Geiger David Garrett wird als "Künstler national Rock/Pop" gewürdigt und die Hitparadenstürmer Unheilig als "Alternative national". So sieht sie aus, die deutsche Pop-Landschaft. Ein offenes Gelände, freie Sicht. Herbert Grönemeyer singt vor einer Schiffsschraube, Adele im Dunkeln, Bruno Mars in Feuersbrünsten. Unheilig treten symbolisch auf vor einem Leuchtturm, der einen verlorenen Kutter durch den Nebel leitet. Und Peter Alexander wird dann von einer sehr tiefen Stimme amtlich aufgenommen in die Echo-Ruhmeshalle.

Plötzlich ist Max Raabe da, am Ehrenpult, der Sänger des Palast-Orchesters, wie ein Bote aus den Goldenen Vorkriegsjahren. Raabe näselt die Laudatio auf das Lebenswerk Annette Humpes. Recht umständlich würdigt er dann die Verdienste um den hiesigen Pop, er sagt: "Das Beste an Annette Humpe ist Annette Humpe selbst." Dann tritt sie vor und dankt Berlin, der Stadt, die sie vor 35 Jahren in Empfang genommen hat. Einen Provinzflüchtling aus Herdecke, eine Begründerin der Neuen Deutschen Welle, die bei Ideal gesungen, Rio Reiser produziert und zuletzt auch noch Ich & Ich erfunden hat. Für Ich & Ich trägt sie nach dieser Nacht zwei weitere Echos heim. Annette Humpe stand schon ziemlich lange nicht mehr auf der Bühne. Sie leidet an unheilbarem Lampenfieber, sie ist 60 Jahre alt. "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Frau", verlangt Jan Plewka von der Rockband Selig, zu der sich Annette Humpe vorsichtig hinzu gesellt.

Wir üben uns in Zuversicht

Die Spitze des Berliner Fernsehturms ragt aus dem Bühnenboden wie ein Frühlingstrieb. Annette Humpe singt "Berlin", sie hält sich an den Tasten fest und strahlt. Gerüchte werden ventiliert, dass sich der Echo wieder aus der Stadt zurückzieht, und Berlin fühlt sich bereits gekränkt. Hier übt sich das Musikgeschäft in Zuversicht. Hier schließt sogar die Königin des Deutschpop ihren Frieden mit dem Volk. Hier bleibt man auf dem Teppich. "Das ist die Berliner Luft", krächzt Gianna Nannini. Daran wird es liegen.