Knut Elstermann

Kino, ein Kinderspiel

Charles Knetschke wurde auf der Straße von einem fremden Mann angesprochen, ob er nicht mit ihm in sein Büro kommen wolle. Er hat mit gesundem Misstrauen abgelehnt, aber doch seine Adresse genannt. Und so besuchte der Mann am nächsten Tag seine Eltern, stellte sich als Gerhard Lamprecht vor, der Mann, der "Emil und die Detektive" verfilmt hatte und den kleinen Charles nun als Hauptdarsteller in seinem neuen Film wollte, 1947, als noch ganz Berlin in Schutt und Asche stand und keiner ans Kino dachte.

Thomas Schmidt wurde einfach mitgenommen. Die Mama war Theaterschauspielerin, wurde zum Casting eingeladen - und setzte dort, in einer Pause, ihrem Sohn einen Turban aus der Requisite auf. Der Regieassistent, der das zufällig sah, rief den Regisseur: "Herr Staudte, da haben wir ja den 'Kleinen Muck'." Nadja Klier sollte partout nicht zum Casting. Ihre Mutter, die Theaterregisseurin Freya Klier, hatte die entsprechende Zeitungsannonce sofort im Ofen verbrannt: damit ihre Tochter gar nicht erst davon erfahren sollte. Nun war der Sohn der Schauspielerin Ute Lobosch aber schon für den gleichen Film gecastet, und dessen Mutter brachte die Filmleute auf Nadja. Alles Verhindern hatte nichts genutzt.

Das Buch eines Verehrers

Drei höchst unterschiedliche Beispiele, wie man zum Film kommen kann. Und doch verbindet sie alle eines: Sie waren Filmkinder der Defa. "Irgendwo in Berlin" mit Charles Knetschke war 1946 einer der ersten Nachkriegsfilme überhaupt und ist noch heute ein Zeitdokument, weil die Kinder die Trümmerfelder der Stadt als Spielplatz benutzen. "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" mit Nadja Klier, 1985 zum 200. Geburtstag von Bettina von Arnim verfilmt, ist so was wie die ostdeutsche Antwort auf Pippi Langstrumpf. Und "Der kleine Muck", für den sich 1953 das ganze Studio Babelsberg in eine orientalische Kulisse verwandelte, wurde zum erfolgreichsten Defa-Film überhaupt, der ganze Generationen von Kindern - und nicht nur diese - bezauberte.

Nun hatte der Defa-Film nicht immer den besten Ruf. Aber der Kinderfilm gehörte zu den wenigen Feldern, auf denen die Defa wirklich internationale Maßstäbe setzen konnte (und am wenigsten von der Zensur der Parteikader betroffen war). Immerhin drei bis vier Kinderfilme entstanden pro Jahr - bei 16 bis 17 Titeln insgesamt. Eine Zeit lang war sogar ernsthaft an ein eigenes Kinderfilmstudio in Babelsberg gedacht worden. Und auch wenn das nie umgesetzt wurde, hat man doch für jeden Film mit riesigem Aufwand Tausende von Kindern in Schulen und Kindergärten angesehen und eigens "pädagogische Mitarbeiterinnen" eingestellt, die die auserkorenen Jungdarsteller während des langen Drehs betreuten.

Viele Kinder träumten deshalb in der DDR, einmal für den Film entdeckt zu werden. Knut Elstermann gehörte auch dazu. Er besuchte immer wieder die Kino-Kindervorstellungen (für 25 Pfennige!) und bewunderte und beneidete die Jungstars auf der Leinwand. Entdeckt wurde der kleine Knut nie, der Traum vom Kino wirkte sich aber anders aus. Er wurde Filmjournalist. Als 1995 "Der kleine Muck" noch einmal ins Kino kam, drehte Elstermann einen Film darüber, traf den erwachsenen Thomas Schmidt - und verhielt sich, wie er selbstkritisch bekennt, "äußerst unprofessionell", weil er dem "echten" Muck gegenüberstand. Nun hat er ein ganzes Buch zusammengetragen, in dem die wichtigsten Filmkinder der Defa vorgestellt werden, die er dafür alle noch einmal aufgesucht hat. Bis auf Thomas Schmidt, der 2008 gestorben und dem das liebevolle Buch gewidmet ist.

"Früher war ich Filmkind" erzählt von Kindern, um die sich plötzlich alles dreht. Und die den Set auch als großen Spielplatz erleben. Es sind aber auch ganz merkwürdige und nicht immer systemkonforme Geschichten darunter, die viel über ihre Zeit erzählen. Vom Muck-Darsteller, der sich den Jungen Pionieren verweigerte, aber den beargwöhnten Konfirmandenunterricht besuchte und nur zwei Jahre nach der Filmpremiere mit den Eltern in den Westen zog. Von der Gritta-Darstellerin, die auch im echten Leben ein sehr eigenständiges und selbstbewusstes Mädchen war. Weil ihre Mutter Bürgerrechtlerin war, die damals schon mit einem Bann belegt war. Das hat die Dreharbeiten nicht belastet, aber als Nadja Frier später zur Ernst-Busch-Schauspielschule wollte, wurde, zwei Tage vor ihrem Vorsprechen, ihre Mutter ausgebürgert. Und sie ging mit.

Das sind nur drei von 14 ungewöhnlichen und höchst unterschiedlichen Lebenswegen, die Elstermann da aufblättert. Darunter finden sich die Helden aus "Alfons Zitterbacke", "Die dicke Tilla" und "Ottokar der Weltverbesserer". Aber natürlich gibt es auch Lücken, ist die Auswahl sehr persönlich getroffen. Wie auch anders, hat die Defa doch rund 150 Kinderfilme produziert. Und das unterscheidet den Defa-Kinderfilm eben von allen anderen: Auch wenn das Genre sich in der DDR größter Beliebtheit erfreute und ein Fünftel der Jahresproduktion ausmachte, wollte man - auch wenn dies wie ein Paradox erscheint - eines nie: Kinderstars. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass kein Kind mehrfach besetzt wurde.

So lebte jeder Film von einem neuen Gesicht. Und die Kinderfantasie nahm keinen Schaden, weil ein kleiner Muck immer im Morgenland blieb und nicht auch mal bei der "Insel der Schwäne" vorbeischaute. Die Jungmimen kassierten alle eine Tagesgage von gerade mal 40 Mark (während die Großen 750 kassierten). Die meisten erfüllten sich damit kleine Wünsche: ein Vögelchen, einen Kassettenrekorder, ein Diamant-Sportrad. Der Rückkehr ins normale Leben fiel anfangs nicht immer leicht, da vermischte sich in der Schule Bewunderung mit Neid. Dafür gab es aber eben nicht diese schrecklichen Geschichten, die man von anderswo kennt, von gefallenen Kinderstars, die in Hybris, Depressionen und Drogen enden.

Was aus den Stars von einst wurde

Die meisten Defa-Filmkinder lebten später ein ganz anderes Leben. Wie Thomas Schmidt, der in Hannover Präventivmediziner wurde und erst im Alter erfahren sollte, welchen Kultstatus der "Muck" errungen hatte. Nadja Klier hat es nie ganz verwunden, dass es mit der Schauspielerei nicht geklappt hat, arbeitet aber heute als Set-Fotografin, ist also auf andere Weise bei Dreharbeiten mit dabei. Helmut Rossmann, der "Alfons Zitterbacke" von 1966, betrieb Grundlagenforschung für Halbleiterspektrologie und verkauft heute Hochlasertechnologie. Den ungewöhnlichsten Weg ging wohl Carmen Sarge, die 1982 "Die dicke Tilla" spielte. Sie wurde Pastorin und arbeitet seit elf Jahren in der ältesten Gemeinde Ostdeutschlands - in Bitterfeld. Aus dem beschaulichen Potsdam landete sie ausgerechnet in jener Stadt, aus der alle weg wollten.

Manche Filmkinder sind auf andere Weise bekannt geworden. So wurde Tobias Underberg aus "Konzert für Bratpfanne und Orchester" später Musiker und gründete die "Inchtabkokatables". Und Daniela Gerstner aus "Ein ungewöhnlicher Tag" wurde unter ihrem späteren Namen Daniela Dahn eine sehr streitbare, aber viel gelesene Autorin. Nur einer aber ist dem Schauspielern wirklich reu geblieben: Charles Knetschke. Er war 1947, bei "Irgendwo in Berlin" das erste Defa-Kind überhaupt, er erhielt noch einen Zweijahresvertrag, was es später nicht mehr geben sollte. Und der wusste schon mit 15 Jahren, dass er ein echter Schauspieler werden wollte. Er befolgte den Rat von Erik Ode, dafür seinen Namen zu wechseln. Unter dem Mädchennamen seiner Mutter wurde er, als Charles Brauer, ein erfolgreicher Bühnen- und Fernsehschauspieler und bildete mit Manfred Krug ein sehr populäres, langlebiges "Tatort"-Team.

Knut Elstermann: Früher war ich Filmkind. Die Defa und ihre jüngsten Darsteller. Das neue Berlin, 224 S., 19,95 Euro.