Benefiz-Konzert für Japan

"Alles, was wir tun können, ist helfen"

Der Dirigent, so sagt man in Japan, sei das Gesicht eines Orchesters. Gestern traten gleich zwei Stardirigenten in Berlin vor die Fernsehkameras. Sie setzen sich dafür ein, dass wir die von der Katastrophe betroffenen Menschen in Japan unterstützen.

"In dieser Situation ist es einfach, sich hilflos zu fühlen, und doch auch völlig klar, dass konkrete Hilfe sofort nötig ist", sagt Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker: "Wir haben daher ein Konzert organisiert mit unseren beiden Orchestern, um Geld zu sammeln für die Arbeit von Unicef in Japan." Und Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatskapelle, fügt hinzu: "Alles, was wir im Moment tun können, ist zu helfen. Und wenn wir nichts tun, zeigen wir nur Mitleid und vielleicht ein bisschen Angst vor unserer eigenen Zukunft. Deswegen ist es so wichtig, dass wir gleich was tun und dass wir die Menschen in Japan - besonders die kleinen Kinder und besonders die älteren Menschen, die das vielleicht sogar durch Hiroshima schon einmal erlebt haben, dass wir ihnen zeigen, dass wir an sie denken und versuchen, von hier aus etwas für sie zu tun".

Es gibt keine Konkurrenz

Das Benefizkonzert findet am Dienstag in der Philharmonie statt. Erstmals werden die beiden Weltklasseorchester - obendrein mit ihren Chefdirigenten - in einem Konzert zu erleben sein. Ein sinfonischer Wettstreit? "Es ist keine Konkurrenz, sondern die Aussage einer gemeinsamen Sorge", betont Barenboim: "Simon und ich dirigieren ja ansonsten auch das Orchester des anderen. Wir sind persönlich befreundet, und die Orchester haben kein Gefühl von Konkurrenz."

Dass sich gerade Orchester so leidenschaftlich für Japan einsetzen, mag manchen verwundern. Rattle verweist dagegen auf die lange Verbindung der Philharmoniker zu Japan. Bereits 1957 hat Herbert von Karajan die Gastspieltradition eingeleitet. Der Stardirigent, ein Gesicht des deutschen Wirtschaftswunders, faszinierte dort die aufstrebende Industrienation. Klassische Musik gilt seither als chic in den gebildeten Schichten. Nur die exquisitesten Orchester und Dirigenten aus Europa waren den Japanern gut genug. Und sie zahlten außerordentlich gut dafür. Japan ist - über alle Krisen hinweg - ein Klassikmarkt. Musikstudenten strömten nach Deutschland, mittlerweile spielen sie weltweit in den Orchestern. Zu den Berliner Philharmonikern gehören derzeit drei Japaner, die Geigerin Kotowa Machida, die Solo-Bratscherin Naoko Shimitsu und Daishin Kashimoto, der vor zwei Jahren Toru Yasunaga ablöste - die Position des Ersten Konzertmeisters ist bereits seit 1977 in japanischen Händen. Insgesamt 18 Dirigenten, darunter Takashi Asahina und Seiji Ozawa, haben die Philharmoniker mitgeprägt, Werke des Komponisten Toru Takemitsu wurden am meisten aufgeführt.

Aber das ist Statistik, die Geschichten dahinter zeigen die eigentliche Verbindung. Als die 12 Cellisten einmal ein Privatkonzert im Palast des selbst Cello spielenden japanischen Kaisers gaben, zeigte Rudolf Weinsheimer dem Tenno ein Foto vom deutschen Cello-Treffen. Daraufhin fanden sich 1998 mehr als 1000 Cellisten in Kobe zusammen. Ein Cello-spielender Fan und Restaurantketten-Besitzer in Kobe eröffnete ein gehobenes japanisches Restaurant in Berlin. Das Kushinoya an der Bleibtreustraße gibt es heute noch.

Starpianist Daniel Barenboim gastierte 1966 das erste Mal in Japan. Daran kann er sich gut erinnern, denn vor der Reise war er schwer erkrankt und lag in einem Hotelzimmer. Irgendwann telefonierte er mit einer ihm unbekannten, im Krankenhaus liegenden Cellistin, mit der er im April folgenden Jahres auftreten wollte. Die Telefonate wurden immer länger, Jacqueline du Pré später seine erste Ehefrau.

Ohne ärztliche Zustimmung reiste Barenboim nach Japan. Er fühlte sich schwach und wie auf dem Mond. "Damals sprach kein Japaner Englisch, und die Straßenschilder waren nur auf Japanisch. Dann habe ich meine Konzerte gespielt und war erstaunt über die Konzentration des Publikums. Die gehen nicht ins Konzert wegen des Entertainments, sondern erwarten eine wichtige menschliche Aussage. Diese Stille im Zuschauerraum hat mich sehr fasziniert. Wobei sich das mittlerweile ein wenig verändert hat." Mittlerweile war der Pianist und Dirigent um die 20 Mal in Japan, zuletzt regelmäßig mit der Staatsoper Unter den Linden. Das frühere Ost-Berliner Opernhaus ist seit 1977 in Japan auf Tournee. Viele Musiker empfanden es damals als Offenbarung, als Befreiung, manche waren nicht mehr in die DDR zurückgekehrt.

Für Barenboim haben zwei Ereignisse in den letzten acht Wochen die Welt verändert: "Die Revolution in Ägypten zwingt die ganze Welt, insbesondere Israel, neu zu denken, weil wir dort den Sprung aus einer feudalen Welt in den Traum nach einer einfachen Demokratie sehen. Wir müssen also über den Nahen Osten und über die Nutzung von Atomkraft nachdenken. Wir müssen auch diejenigen Politiker, die dachten, der Iran ist beim Uran nur an einer friedlichen Nutzung interessiert, umstimmen."