Bühne

Die erzwungene Inszenierung

"Furchtbar, entsetzlich schmutzig", sagt Jan Josef Liefers mit ernster Miene. Es geht um Töne. Plötzlich muss sein Schauspiel-Kollege Klaus Schreiber schnauben. Liefers schweigt dezent. "Aber der könnte gereinigt werden, der Ton", sagt Regisseur Jürgen Flimm. Ja, so geht es dieser Tage am Schiller-Theater zu. Wir sitzen um einen großen Tisch herum im Pausenraum der kleinen Werkstatt-Bühne.

Nebenan, um einen Billardtisch herum, inszeniert Flimm dieser Tage das Stück "Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satiesfactionen" des französischen Komponisten Erik Satie. Flimm und seine drei Schauspieler stecken derart tief in den Proben dieses absurden Theaters, dass man es im Gespräch manchmal schwer hat zu sortieren, was ernst oder ironisch gemeint ist, was zum Stück oder gar zur realen Welt außerhalb des Theaters gehört. Möglicherweise wissen sie es dieser Tage selber nicht genau.

Der Regisseur ist gezwungen worden

Flimm behauptet etwa, er sei zu der Inszenierung gezwungen worden. Vom Theater, aber eigentlich von seinen jungen Dramaturgen. Er solle eine Kult-Arbeit machen, wurde ihm gesagt. "Da hab ich ihnen erst mal klargemacht, dass man eine Kultaufführung nicht einfach herstellt", sagt Flimm: "Aber das haben sie nicht gelten lassen, ich muss das trotzdem machen." Flimm ist schon davon überzeugt, dass er eine Kult-Aufführung vorbereitet. Am Freitag ist die Premiere, zehn Vorstellungen sind bereits geplant.

Eigentlich ist Flimm der Intendant der Staatsoper im Schiller-Theater, und genau genommen hatte er immer gesagt, dass er keinesfalls am Hause inszenieren werde. Schließlich ist er der Intendant, der den Umzug ins Schiller-Theater und drei Jahre später wieder zurück in die sanierte Staatsoper Unter den Linden organisieren muss. Eine seine Hauptaufgaben ist, die Inszenierungen anderer an die Bühnenverhältnisse des Schiller-Theaters anpassen zu lassen. Bei manchen Opern geht es leichter, bei anderen ist es zu aufwendig oder zu kostspielig. Möglicherweise ist das für einen Regieintendanten manchmal frustrierend. Jetzt inszeniert Flimm doch wieder selbst. Einmal pro Jahr, sagt er, könne es doch sein. Im Frühjahr 2012 wird es ein Mozart an der Wiener Staatsoper sein, im Winter des Jahres ein Italiener in Kooperation mit der Mailänder Scala. Aber eigentlich will er darüber gar nicht recht reden.

Vor einem Jahr jedenfalls habe er "mit dem Janni zusammen gesessen und herumgejuxt." Seit September, seit Flimm von den Salzburger Festspielen kommend im Schiller-Theater residiert, trifft er sich mit alten Weggefährten aus seiner jahrzehntelangen Theater- und Opernarbeit. Berlin muss voll davon sein. Zunächst einmal hat der Janni zugesagt, dann die anderen beiden Schauspieler für den Satie.

Was die Vier verbindet, wird auch schnell klar. Die drei Schauspieler gehörten in den neunziger Jahren zum Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters, als es von Jürgen Flimm geleitet wurde. "Ich hätte ihm alles zugesagt", behauptet Liefers: "Wir hätten auch das Telefonbuch machen können. Wir haben uns all die Jahre immer wieder mal wiedergesehen." Flimm benimmt sich in dieser Runde wie ein in heiterer Würde gereifter König. Alles alte Thalia-Jungs, sagt er, es soll wie ein nachträglicher Ritterschlag klingen. Einmal sagt er auch Rasselbande. Ob der Regisseur sich verändert habe seither? "Manches ist präziser", wirft Klaus Schreiber ein. Und bevor er es erklären kann, fällt Flimm ihm ins Wort: "Die einen sagen so, die anderen anders." Offenbar war das bei Flimm immer so. "Es war schon erstaunlich, wie schnell man wieder dort anfangen kann, wo man einmal aufgehört hat", sagt Liefers: "In der Stimmung, in der Laune, im Vertrauen, im Humor."

Der gebürtige Dresdner war 1990, nach der Wende, vom Deutschen Theater gekommen. "Ich war sehr jung, auch ein wenig gehemmt. Dem Thalia-Theater ging der Ruf voraus, dass dort eigentlich nichts verboten war. Alles war möglich, es gab keinerlei Zensur." Er kann sich ziemlich genau an seinen ersten Besuch im Hamburger Theater erinnern. "Ich wollte mir eine Probe anschauen und musste vorher noch einmal dringend auf die Toilette. Und wen traf ich dort? Tom Waits, der gerade am Haus arbeitete. Ein Idol für mich. Das war mein erster Eindruck. Ich musste an dieses Theater." Einig ist man sich in dieser Runde, dass es in den Neunzigern am Theater lässiger zuging. "Wenn was schiefging, hat man das nächste gemacht", sagt Flimm: "Wir hatten ein gutes Selbstbewusstsein. Wir haben viel riskiert."

Wer zu Satie geht, weiß hoffentlich, was auf ihn zukommt. Das Publikum sollte die Standardtänze können, sagt Liefers und setzt dabei wieder seine ernste Miene auf. Das kann alles und gar nichts bedeuten. Das Stück des Lebenskünstlers entführt in die Zeit vorm Dada. Der Einakter "Le Plège de Medusa" ist von 1913, aus Saties humorvollster Periode. Davor war er eher dem Mystizismus zugeneigt, später der äußersten Reduktion im künstlerischen Material. Eine ganze französische Komponistengeneration hat er mit seiner Ökonomie und Harmonie, die ihren eigenen melodischen Esprit versprüht, beeinflusst. Dabei überdeckte Saties oft tragischer Humor nur den Geist eines einsamen Menschen. Auch der Einakter - mit dem deutschen Titel "Die Falle des Qualle" - ist eine Art überdrehte Selbstabrechnung des Künstlers. Es geht um einen uninspirierten Mann, bei dem sich alles ums Rechnen und Zählen, sprich Geld, dreht.

Jan Josef Liefers spielt den Baron von Qualle. Der habe ein Problem, erklärt Flimm, "weil der General Posthum, der nicht auftritt, ihm einen Schwiegersohn vorgeschlagen hat." Der von Klaus Schreiber gespielte Schwiegersohn heißt Astolfo und war früher bei der Marine. Jetzt arbeitet er als Angestellter in der Abteilung Scheidungen und Arbeitsunfälle. Und manchmal verwechselt er das, dann werden die Arbeitsunfälle geschieden, und die Geschiedenen kriegen Pensionen. Stefan Kurt wiederum spielt den aufsässigen Diener, der eine Geheimorganisation, den Sozialismus, gegründet hat. Baron von Qualle sei, sagt Flimm, nicht mit sich im Reinen. Er wiegt lieber Töne. Ein Fis, gesungen von einem dicken Tenor, wiegt auf der Phonowaage 93 Kilo. Der Ton, wohlgemerkt, ohne Tenor. "Aber einer der widerwärtigsten Töne", weiß Liefers, "war mal ein B. Etwas Scheußlicheres hat Herr von Qualle in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen." Das Thema der Tonreinigung bewegt die Akteure bis in die Pause hinein - das ist wirklich absurd.