Internet

Sei nicht böse, Google

"Als Erster klopfe ich an, und als Erster trete ich ein": Der Internetkonzern Google hat es schon immer mit Saul Bellows Jahrhundertfigur Augie March gehalten, einem Mann, der sich selbst beigebracht hat, "wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell".

Im Googleplex im kalifornischen Mountainview setzt man seit jeher auf eine Zukunft aus vollendeten Tatsachen. Ohne zu fragen, speichert man Millionen IP-Adressen, fotografiert Straßen oder scannt Millionen Bücher, und das alles, bevor die Meinungsmaschine auch nur in Gang gekommen ist. "Wir werden alle Bücher der Welt einscannen", hat Google-Mitbegründer Larry Page schon vor Jahren erklärt.

Jetzt jedoch scheint der Vorsprung aus den Wildwest-Tagen des Internets geschmolzen. Ausgerechnet Googles "Scan Gang" - der Versuch, eine virtuelle Weltbibliothek zu errichten, bevor jemand "Welterbe" oder "Urheberrecht" sagt - steht vor dem Aus. Eine solche digitale Sammlung würde "einfach zu weit gehen", erklärte nämlich Denny Chin, zuständiger Richter des New Yorker Bundesgerichts am Dienstag, und wies damit das berühmt-berüchtigte "Google Book Settlement", den seit Jahren debattierten und mehrfach nachgebesserten Vergleich zwischen Google und amerikanischen Autoren und Verlegern, zurück.

Chin folgt damit der Einschätzung des US-Justizministeriums - und den Einwänden der deutschen Regierung. Google nannte die Entscheidung "klar enttäuschend"; Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hingegen jubiliert: "Das Urteil von Judge Chin zeigt der ganzen Welt, dass geistiges Eigentum nicht aufgrund privater oder kommerzieller Interessen zur Disposition gestellt werden kann."

Die jüngste Fassung des "Book Settlements" sah vor, Googles wilden "Scan Gang" nachträglich zu legitimieren: Der Internetriese wollte 125 Millionen Dollar (gut 87 Millionen Euro) in einen Fonds einzahlen und Autoren- und Publikationsrechte so pauschal abgelten. Von Google erwirtschaftete Erträge aus dem Verkauf vergriffener, dennoch dem Urheberschutz unterliegender Bücher, deren Rechteinhaber nicht auffindbar sind, wiederum sollten zehn Jahre lang eingefroren werden, bevor Google am Ende kassiert. Bundesrichter Chin sprach in diesem Zusammenhang von der "Ausbeutung kompletter Bücher" - "und zwar ohne Genehmigung der Rechteinhaber". Ganz offenbar hat er sich nicht davon beeindrucken lassen, dass Google seit Jahren das Fähnlein der Teilhabe schwenkt und seine Buchsuche als aufklärerisches Projekt verkauft - als eine virtuelle Agora, wenn auch in Konzernbesitz und mit Werbung gepflastert. "Google", so Chin, "bekäme mit der Vereinbarung einen deutlichen Vorsprung gegenüber seinen Konkurrenten."

Begraben freilich muss Google sein Digitalisierungsprojekt deshalb nicht und auch das Book Settlement ist nach dem jüngsten Urteil nicht am Ende. Vielmehr regte Richter Chin eben jene Nachbesserungen an, die Kritiker seit Jahren fordern. Bisher nämlich gilt für das Settlement das Prinzip "opt out": Wer dem Vergleich nicht ausdrücklich widerspricht, wird gescannt, heißt das, und sitzt im Google-Boot. Ein neuerlich nachgebesserter Vergleich nun könnte das"opt out" durch ein "opt in" ersetzen: Wer von Google digital vermarktet werden will, heißt das, müsste Google erst beauftragen.

"Alle Bücher der Welt", wie von Larry Page erträumt, werden es bei Google also nicht mehr werden - was nicht nur Kartellwächter, Justizministerien und Verlage, sondern auch die Konkurrenten Apple und Amazon freut. Die sind, wie Augie March, schließlich ebenso Amerikaner und haben auch schon an der Tür zum Buchmarkt geklopft.