Interview

"Museen sind auf Privatsammler immer angewiesen"

Berliner Morgenpost: Wo steht die Alte Nationalgalerie heute?

Udo Kittelmann: Allein schon gemessen an den steigenden Besucherzahlen erweist sich die Sammlung als eine auch im 21. Jahrhundert sehr attraktive und relevante. Wir realisieren in der Alten Nationalgalerie ein sehr anspruchsvolles und zugleich zeitgemäßes Programm. Mit Ausstellungen wie etwa die wichtige historische Aufarbeitung "Verlust und Wiederkehr" und jetzt natürlich die Ausstellung der Sammlung des Bankiers Wagener.

Berliner Morgenpost: Welche Projekte stehen denn für die Nationalgalerie insgesamt noch an?

Udo Kittelmann: Natürlich ist die Sanierung der Neuen Nationalgalerie ein dringendes Anliegen. Ich hoffe, dass diese zeitnah in den nächsten Jahren stattfinden wird. Ein weiteres Ziel ist die Integration der Sammlung Ulla und Heiner Pietsch, eine der wertvollsten Schenkungen überhaupt in den letzten Jahrzehnten in Deutschland. Mit der baulichen Erweiterung der Sammlung Berggruen positionieren wir uns auch am Standort Charlottenburg für die Zukunft.

Berliner Morgenpost: Zum 150. Geburtstag zeigen Sie die Sammlung des Berliner Bankiers Joachim Heinrich Wagener, der seine Privatsammlung dem Preußischen König nur unter der Maßgabe stiftete, sie zum Grundstock einer künftigen Nationalgalerie zu machen.

Udo Kittelmann: Sammlungen sind per se immer die tragende Säule eines Museums. Mit der Sammlung Wagener möchten wir auch daran erinnern, dass die Nationalgalerie einst als Museum für zeitgenössische Kunst ihren Anfang nahm und dass dies der Initiative eines privaten Sammlers zu verdanken war. Und es ist auch das erste Mal nach Jahrzehnten wieder der Fall, dass diese Sammlung in solcher Breite zu sehen ist und sicherlich auch einige ganz großartige Neu- und Wiederentdeckungen präsentieren wird.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig wird bürgerliches Mäzenatentum künftig sein? Privatsammler sind nicht frei von Ansprüchen, wenn es um die Unterbringung ihrer Sammlungen in den Museen geht.

Udo Kittelmann: Die Geschichte der Museen ist, was ihre Privatsammlungen anbelangt, nie konfliktfrei. Tatsache ist aber auch, dass die Museen in ihren wichtigen Beständen auf privates Engagement angewiesen sind. Es war ja nie so, dass öffentliche Museen zu irgendeinem Zeitpunkt, über ausreichend Mittel verfügten, um alles aus eigenen Kräften zu erwerben. Da ist Wagener ein fantastisches Beispiel. Erst seine testamentarische Verfügung hat die Nationalgalerie begründet.

Berliner Morgenpost: Für die größte private Sammlung im Hamburger Bahnhof, die Flick Collection, läuft Ende des Jahres der Leihvertrag aus.

Udo Kittelmann: Wir gehen davon aus, dass sich an dem Status dieser Sammlung auch über das Jahr 2011 hinaus nichts verändern wird.