Potsdam

Iwanow mit Burn-Out

"Diese überflüssigen Menschen, diese überflüssigen Worte. Das macht mich krank." Genauer kann Nikolai Alexejewitsch Iwanow die Gründe für seine miserable Seelenlage nicht benennen.

Genauer will es Regisseur Markus Dietz auch gar nicht wissen. Am Potsdamer Hans Otto Theater inszenierte Dietz Anton Tschechows "Iwanow" (in der Übersetzung von Thomas Brasch) und schert sich dabei wenig um die gesellschafts-politischen Umstände nach dem gescheiterten Selbstverwaltungsversuch der russischen Provinzen am Ende des 19. Jahrhunderts. Bei diesem Iwanow geht es nicht darum, wie er zu dem wurde, der er ist, sondern wie er mit dem umgeht, was er fühlt. Das erweist sich als kluger Schachzug des Regisseurs, weil er damit die entscheidende Schwäche des Textes, der viel behauptet und wenig psychologisch herleitet, geschickt umschifft.

Gutsbesitzer Iwanow hatte mal große Pläne, mit 20. Jetzt, um die 30, ist er, wie er selbst sagt "zu nichts mehr zu gebrauchen". Vor fünf Jahren heiratete er eine Frau, die er nicht mehr liebt, und die zudem todkrank ist. Sein Verwalter Borkin ist ein nervender Dampfplauderer, der Onkel Schabjelski ein Schürzenjäger und beim Nachbarn Lebedjew hat er beträchtliche Schulden. Alles gar nicht schön. Heute würde man dem Mann eine Depression attestieren, Burn-out-Syndrom vielleicht, doch was da so schwer sich aufs Gemüt legt, können selbst Betroffene meist nicht beschreiben.

In Potsdam überlässt der Regisseur das seiner Bühnenbildnerin Ines Nadler. Sie hat dafür eine raumhohe, schwere Wand konzipiert, von der einen Seite dunkel-metallisch beschichtet, von der anderen Seite hell leuchtend. Diese Wand dreht und schiebt und kippt sich den ganzen Abend quer durchs Personal und zwingt es immer wieder buchstäblich auf die Knie. Sie hat unbenennbare, unbestimmte Macht über die Menschen. Der wendige Verwalter Borkin schlittert schwungvoll unter ihr durch, der kontrollierte Arzt Lwow tut, als gäbe es sie gar nicht, die meisten arrangieren sich. Nur Iwanow, der kann das nicht: Er bleibt stehen, obwohl er von oben fast erdrückt wird, er rennt in Unterhosen verzweifelt die dunkle Schräge hinauf, er steht allein vor dem bleiernen Massiv, derweil man hinten die Füße der anderen tanzen und leben sieht.

René Schwittay stattet seinen Iwanow mit enormer Körperlichkeit aus und provoziert damit einen erschütternden Kontrast zu dessen fragiler, kraftloser Seelenlage. Er kämpft mit allen Poren: Um eine neue Liebe zur Nachbarstochter Sascha, ums Verstehen, um sein Selbstwertgefühl. Zwei knackige, hervorragend getimte Stunden lang verendet dieser Mann so sehr bei lebendigem Leib, dass der Schuss am Schluss nichts anderes ist als eine echte Erlösung für diesen Tieftraurigen, der der Welt nicht mehr gewachsen ist.

Hans Otto Theater , Schiffbauergasse 11, Potsdam. Tel. 0331-98 11 900. Termine: 31.3., 8., 26.4.um 19.30 Uhr; 17.4. um 15 Uhr.