Theater

Wild und laut: Der Mann für das Maßlose

Immer wieder sorgt Lars Eidinger für Szenen mit Seltenheitswert. Würstchen im Allerwertesten zum Beispiel, vermanscht mit Erdnussflips. Das vergisst man nicht wieder. Sein Lebensmittel-bewehrtes Hinterteil hält Eidinger in eine Kamera, die das Ganze übergroß auf die Leinwand überträgt.

Zuvor hat er auf Haupt und Haaren bereits Schokosoße, Sahnetorte und Spaghetti verteilt. So zelebriert Alceste, Molières "Menschenfeind", bei ihm seinen Weltekel, sein Scheiß-auf-alle.

Der 35-jährige Lars Eidinger ist seit 1999 Ensemblemitglied an der Schaubühne und hat sich dort mittlerweile zum Star hochgespielt. Ausgebildet wurde der gebürtige West-Berliner, der mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger verheiratet ist und eine dreijährige Tochter hat, an der Ernst-Busch-Hochschule - in einem Jahrgang mit Nina Hoss, Fritzi Haberlandt und Devid Striesow.

Minutenlang auf einem Stuhl

Im letzten Studienjahr spielte er in Inszenierungen von Jürgen Gosch am Deutschen Theater (DT). Der damalige Intendant Thomas Langhoff wollte ihm einen festen Vertrag geben; doch Eidinger zog es zu dem jungen Theater, das Thomas Ostermeier in der DT-Baracke veranstaltete. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Ostermeier wurde in die künstlerische Leitung der Schaubühne geholt. Eidinger entschied sich beim Vorsprechen für Franz Moor aus Schillers "Räubern", wobei er erst mal minutenlang auf einem Stuhl saß und ein Bonbon lutschte. Die provozierende Pose, diese Mal-gucken-was-passiert-Haltung - sie lag ihm schon damals. Vor zwei Jahren hat Eidinger die "Räuber" mit Schauspielstudenten selbst inszeniert. Sein Regie-Debüt führte die Revoluzzer-Truppe als Poser des Pop-Zeitalters vor, die Freddy Mercury und Clockwork Orange imitierten und deren Revolte im Fatsuit des komatösen Vater Moors komplett verpuffte.

Poppig und wild assoziierend ging es auch im "Sommernachtstraum" von Ostermeier und Constanza Macras zu. Unvergessen, wie Eidinger die große Party-Show im lasziven Pete-Doherty-Look mit einem coolen, dann derben Striptease anheizte, während er zu dieser urkomischen Pantomime die Verse von Shakespeares Handwerkern sprach. Komisch auch, wie er später als pummelige Elfe im rosa Hemdchen herumtänzelte und unbeholfene Balletthüpfer vollbrachte.

Mittlerweile ist Eidinger an der Schaubühne so etwas wie der Experte fürs Maßlose. Ostermeier attestiert ihm "Selbstbewusstsein und die komplette Abwesenheit von Angst, peinlich oder unglaubwürdig rüberzukommen". So treibt er die Szenen ins Extreme und bringt sie gefährlich zum Kippeln. Er suche, so sagt er, beim Spielen den Punkt, an dem er die Kontrolle über sich verliere. "Die Momente, in denen eine physische Anstrengung das Gefühl auslöst, dass alles von selbst passiert, genieße ich total." Dabei treibt er sich nicht selten bis an den Rand der Erschöpfung und behält doch immer etwas von der lockeren Schlenkrigkeit, die ihm eigen ist. "Es gibt in mir eine Sehnsucht nach Intensität, die kaum zu befriedigen ist." Eine Sehnsucht nach dem Im-Moment-Sein und nach dem Eins-Werden mit dem Publikum. Er genießt es, wenn sie ihm an den Lippen hängen. Wenn er von "Sein oder nicht sein" spricht - und alle denken an den Tod. Die Worte holt er sich nah auf den Leib, bis selbst Verse nach Umgangssprache klingen.

Sein Hamlet zum Beispiel. Jedes Shakespeare-Wort scheint sich Eidinger hier und jetzt aus dem Hirn hervorzukramen. Mit Todesverachtung stopft sich dieser Dänenprinz Hände voll von jener dunklen Erde in den Mund, die in Ostermeiers Inszenierung die ganze Bühne bedeckt. Kerzengerade, mit dem Gesicht nach unten, lässt er sich in diese Vatergrabeserde fallen. Er wühlt sich hinein, wird verrückt daran, wie mit dem Verrat der Mutter sein Urvertrauen und damit auch alle übrigen Gewissheiten flöten gehen. Er verfällt plötzlich in bitterböse Lachgrimmassen. Wenn es um Ophelia geht, prustet er Tic-artig "ficken, ficken" heraus, in selbstzerstörerischem Aufrichtigkeitszwang. Das Bild von Hamlet als grüblerischem Zögerling stülpt er um, lädt ihn mit exzessiver Energie auf, wütet und berserkert. Dieser Hamlet wechselt die Launen wie Schauspielrollen, stürzt sich ins Wahnsinns-Spiel, bis er selbst kaum noch zwischen Schein und Sein unterscheiden kann.

Hamlet ist die Rolle, mit der Eidinger zum Star der Schaubühne aufgestiegen ist. Wenig später lief der Film "Alle anderen" auf der Berlinale. In Maren Ades Beziehungsstudie spielte Eidinger einen ehrgeizigen Architekten, der mit seinen Zweifeln und Ängsten vor seiner Freundin (Birgit Minichmayr) nicht bestehen kann. Im "Polizeiruf 110" war er als aufschneiderischer Kommissar zu sehen, der sich an keine Konventionen hält und gleich mit der Kollegin ins Bett steigt. Und die "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal provozierte er als sanft-sadistischer Mörder bis zur Weißglut.

Bescheidenheit ist Heuchelei

Über seinen Erfolg, auch über den Größenwahn, der ihn bisweilen packt, hat Eidinger mit dem Dramaturgen Michael Eberth gesprochen. Dokumentiert ist das in dem neuen Interviewband "Eidinger - Backstage" (Verlag Theater der Zeit), der am Sonntagabend in der Schaubühne präsentiert wird. Der Schauspieler spricht hier bemerkenswert offen über seine Arbeit, den eigenen Antrieb, die Gefahren des Berufs, über gute Filme und sein Michael-Jackson-Faible. Er polemisiert gegen Ironie auf der Bühne, weil er es leid ist, "Schauspielern zuzugucken, die sich anmaßen, über die Konflikte, die verhandelt werden, erhaben zu sein, und die alles mit einem Augenzwinkern spielen, weil sie sich dadurch unangreifbar machen. Das ist so anbiedernd und risikolos, dass es mich nur noch ankotzt."

Immer wieder bezichtigt sich Eidinger selbst der Eitelkeit, thematisiert offensiv seinen Ehrgeiz und sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit: "Für mich ist Bescheidenheit keine Tugend, sondern eine als Etikette getarnte Heuchelei." Und trotzdem wirkt Eidinger nicht im Mindesten arrogant oder unnahbar. Vielmehr achtet er genau darauf, dass auch Ostermeiers Leistung genügend gewürdigt wird, schwärmt von älteren Kollegen (Gert Voss, Joseph Bierbichler, Thomas Thieme) und nennt Regisseure, mit denen er gern mal arbeiten würde (Stefan Pucher, Frank Castorf, René Pollesch). Das alles besticht vor allem durch Eidingers schonungslose Freimütigkeit. Er scheint nicht nur bereit, sondern beinahe begierig darauf, etwas von sich preiszugeben. Auch das hat Seltenheitswert.