Leipziger Buchmesse

Das totgesagte Buch lebt länger

Irgendwo hier muss er doch sein. Der Durchbruch ins neue, ins digitale Buchzeitalter. Den hatte der Börsenverein des deutschen Buchhandels doch angekündigt. Der muss es wissen, dafür gibt's ihn schließlich. Seit gut einem Jahrzehnt hat er immer alles weggelächelt, was in den mal mehr, mal weniger hysterischen Geschichten über das Ende des gedruckten Buches und den unaufhaltsamen Siegeszug des E-Books über Messe und Markt stand, die sich in Wellen über ganze Zeitungsseiten ergossen.

Das Buch, den Buchhandel wird's immer geben, gellte damals die Gebetsmühle, wie weiland Norbert Blüms Rentenendlosschleife. Jetzt - wir hatten den Reader schon mit einigem Recht zu dem technischen Rohrkrepierer er Nuller Jahre erkoren - die Wende: Gut eine Woche vor der Messe machte der Börsenverein das Jahr 2011 zum Jahr des Durchbruchs auf dem Markt der elektronischen Bücher. Eine Studie hatte er in Auftrag gegeben und im Ergebnis ganz wunderbare Perspektiven für die Fortsetzung der Wertschöpfungskette von Büchern ins Digitale hinein ausgemacht. Allerdings, schoben sie gleich hinterher, der Leser sei noch sehr vorsichtig.

Schulklassen jagen durch die Hallen

Der Durchbruch auf der Leipziger Buchmesse ist vor allem eins - unsichtbar. Sieht alles noch so bunt aus wie immer. Es soll mehr Aussteller geben. Man merkt es nicht. Es geht langsam voran in den künstlich verengten Gängen, was auch in diesem Jahr daran liegt, dass Schulklassen durch die Hallen gejagt werden. Sie telefonieren, sie klauen Bücher, sie wedeln mit schwarzen Luftballons. Tablet-Computer - laut Börsenverein die Heilsbringer der E-Bookisierung - haben sie nicht dabei. Knallbunte Mangamädchen und merkwürdige menschliche Plüschtiere rennen herum. Christian Anders liest wieder. Überhaupt darf überall jeder lesen. Matthias Reim erzählt, wie ihn sein Song "Verdammt, ich lieb dich" durchs Leben trägt und dass sein 15-jähriger Sohn was Ordentliches lernen soll. Auch Wolfgang Herles stolpert auf dem Blauen Sofa wieder über Bücher, die er nicht gelesen hat, und stellt sehr erstaunliche Fragen.

Es gibt auch wieder ein Schwerpunktland, Serbien heißt es, glaube ich. Man weiß es nicht genau. Denn wer vor beinahe jeder der vielen Preisverleihungen die Grußworte an den serbischen Botschafter verschläft und sich nicht hinten in Halle 4 verläuft, dahin, wo man kleine Hasen erschießen könnte, ohne dass es jemanden auffällt, wer also nicht scharf aufpasst, bekommt vom Schwerpunkt nichts mit.

Früher - vielleicht liegt daran der mangelnde Durchbruchsenthusiasmus - war hier allerdings auch deutlich mehr Frühling. Jetzt regnets. Es ist kalt. Eine Messe, die Clemens J. Setz zum Buchpreisträger macht, muss sich über mieses Wetter aber auch nicht wundern. Bei dem ist schließlich auch alles düster.

An die strahlende Zukunft des Börsenvereins mag sowieso keiner glauben. Das wird nichts mit den Readern, sagt ein Münchner Marketing-Experte. Solange es die Buchpreisbindung gibt und für E-Books ein Rabatt von höchstens zehn Prozent aufs gedruckte Hardcover gewährt werden darf, bleibt das ein marginales Märktchen (gegenwärtig sind's 0,5 Prozent am Gesamtmarkt). Meint er. Es wird schon, sagt er, seinen Grund haben, warum Amazon seinen Kindle, das Lesegerät auf dem der fabelhafte E-Book-Rausch im buchpreisbindungsfreien Amerika beruht, noch immer nicht in Deutschland ausliefert.

Wie es nicht gehen kann, führt der Pressechef eines großen Frankfurter Verlages vor. Er sitzt an seinem iPad. Lange lesen damit kann er nicht, da werden die Augen müd. Er öffnet seine Bibliothek. Da stehen hübsch und fast real elektronische Bücher, Rücken an Rücken. "Götz von Berlichingen" schlägt er auf. So wie es in Projekt Gutenberg kostenlos herunterzuladen ist. Unleserlich, man kann gar nicht erkennen, wer da gerade sprechen soll. Dann nimmt er das Nachbarbuch. Auch der "Götz". Aus seinem eigenen Verlag. Zwei Buchhersteller haben sich darüber hergemacht. Es sieht prima aus. Kostet aber in der Form den notorisch nicht überkapitalisierten Verlag nicht eben wenig Geld, das er aller Voraussetzung nach aber kaum wieder hereinbekommt. Ein Dilemma. Reines Digitalisieren, digitales Umverpacken also, wie es in der Regel derzeit geschieht, ist zwar möglich, aber weder dem Leser zuzumuten noch den technischen Möglichkeiten gerade der Tablets angemessen. Es muss also klassische Buchgestaltung dazukommen, verlegerischer Sachverstand und eine Idee, wie man einem reinen Text mit medialen Zusatzelementen neue Ebenen hinzufügen kann, die ihn nur auf E-Book so funktionieren lassen, was wiederum den Preis rechtfertigen würde. Und keiner weiß wirklich, ob und wie er das finanzieren soll.

Immerhin scheint das Opfer der Digitalisierung ausgemacht und keiner, selbst der Börsenverein nicht, leugnet es - der stationäre Buchhandel. Und wer es tatsächlich gesucht hat, das Weglächeln aller finsteren Zukunftsperspektiven auf der Messe - bei den Buchhändlern ist es. Ja, es hat in den vergangenen, sagen wir, fünf Jahren eine Wende gegeben. Wissenschaftliche Bücher werden nahezu gar nicht mehr gedruckt, nicht mehr gekauft, wissenschaftliche Zeitschriften gibt's nur noch digital. Der Wissenschaftsbuchhandel ist fast verschwunden. Und er ist nur die Avantgarde. Vom Rand her - vom Sachbuch, vom Reiseführer, selbst vom Kochbuchbereich her - wird's zunehmend grau und digital auf dem Markt. Nur die Belletristik hält als kleines gallisches Dorf die Fahne des Gedruckten hoch, weil sie eben derzeit noch herzlich unattraktiv für Tablets ist. Von Belletristik kann aber keine Buchhandlung überleben. Zumal sie zunehmend vom Internet-Buchhandel überflüssig gemacht wird, der auch nicht weniger Service bietet als der durchschnittliche Buchfilialist mit seinen umgeschulten Fleischereifachverkäuferinnen an der Kasse.

Die Buchhandlung als Tankstelle

Wird schon, sagen die Buchhändler gern, wenn sie auf der Messe diskutieren. Schaun wir mal. Das Buch wird's in Läden immer geben. Aber der Umbruch wird kommen, auch wenn man ihn in Leipzig noch suchen muss wie eine Laus im Pelz. Und er wird schrecklich werden. Es wird einen Kahlschlag geben. Buchhandlungen werden - wenn sie überleben wollen - sich in tankstellenähnliche Verkaufsstellen verwandeln, nur noch einen Bruchteil ihres Geldes mit Büchern verdienen, Kaffee verkaufen und Wein und Gimmicks, noch mehr Leselampen und Regalsysteme. Kleine Buchhandlungen haben eine Chance, wenn sie wieder werden, was sie sein sollen, ein Kommunikationsort, eine kulturelle Wärmestube, ein Tante-Emma-Laden mit Literatur.

Schön, dass alle so ruhig bleiben über diese Aussichten. Genießen wir die Zeit. Und eine Buchmesse, auf der wir noch Bücher sehen, in die Hand nehmen können.