Sophie Rois

Liebe ist nur ein Geschäft

Bei diesen Geldmassen würde selbst Onkel Dagobert neidisch werden: Ein Pool voller Scheine öffnet sich unter dem aufgehebelten Bühnenboden aus Pressspanplatten, der weit ins Parkett der Volksbühne ragt. Hier entsorgt die Edelkurtisane Marguerite Plastiktüten voller Dollarnoten, während sie dem Pleite-Baron de Giray klagt, dass ihr bald das Geld ausgehe.

Am Ende ruft Sophie Rois' Marguerite zu den letzten Takten der Todesmusik: "Geld ist alles! Geld ist Leben!"

Kalauer und Diskurs überwiegen

Ist das platte Kapitalismus-Kritik? Oder eine Hedonismus-Feier? Falls Zeit wirklich Geld ist, dann hat sich dieser Abend gelohnt: Nur eineinhalb Stunden braucht der Filmregisseur Clemens Schönborn ("Der Letzte macht das Licht aus!"), um Alexandre Dumas Schmachtfetzen "Die Kameliendame" zu erzählen. Angereichert ist die Kurzfassung mit Musik aus Giuseppe Verdis Oper "La Traviata", der damit mindestens ebenso viel für die Unsterblichkeit der schwindsüchtigen Edelprostituierten getan hat wie Dumas mit seinem autobiographisch fundierten Roman von 1848 und dem wenig später erschienenen Rührstück: So ist Marguerite/Violetta ins kollektive Gedächtnis eingegangen als selbstlos Liebende, die die heilsame Landidylle und den Geliebten verlässt, um seine und die Ehre der Familie zu retten - und diese Selbstlosigkeit mit dem Tod bezahlt.

Schöner Sterben allerdings fällt an der Volksbühne aus. In der kruden Mischform aus ein paar Takten Oper hier, ein paar Zeilen Drama da herrschen vor allem Diskursversuche und Kalauer. Damit führt das Haus eine Tradition fort, die Frank Castorf 2006 mit seinen "Meistersingern" begann und die Stefan Rosinski als Chefdramaturg vorantrieb. Aber ob David Martons "Wozzek" oder Sebastian Baumgartens "Tosca" - was das Einreißen der Genregrenzen bringen sollte, wurde nie ganz klar. Dass die Oper ihre dramaturgischen Tücken, kulinarische Untiefen und Potenzial zur unfreiwilligen Komik besitzt, weiß man auch ohne szenische Dekonstruktion und Ironisierung.

Neues über das Verhältnis von Oper und Schauspiel erfährt man auch in der "Kameliendame" nicht. Hinten auf der Bühne sitzt ein Septett, von Michael Wilhelmi am Klavier mal mehr, mal weniger glücklich zusammengehalten, dazu gibt es einen neunköpfigen Männerchor in historischen Kostümen, der Verdis Ouvertüre mitsummt und Kommentare einwirft, vor allem aber stumm im Halbdunkel ausharrt. Nur der Solo-Gesang öffnet Emotions-Räume, die dem Abend zunächst einen eigenen Zauber verleihen: Wenn Kai-Ingo Rudolph als Marguerites mittelloser Lover ihren Weg kreuzt, ein blasser Schlacks mit blondem Lockenkopf, und er mit glockenhell lyrischem Tenor seine italienischen Phrasen schluchzt, kann man schon verstehen, warum die wesentlich ältere Marguerite für Momente ihre Umsätze vergisst und mit ihm aufs Land zieht. Rois selbst beginnt zu singen: Mit ihrer angeraut heiseren Stimme tastet sie sich an den Konsonanten entlang, hechelt Koloraturen und leitet direkt ins keuchende Schwindsucht-Husten über.

Das ist komisch und später zunehmend berührend, wenn sie dabei wie hypnotisiert in Armands Augen starrt. Hier verzeiht man Schönborn noch die szenischen Kalauer mit Bart: Rudolph produziert seine Spitzentöne nach einem Griff an die Herdplatte, später fuchtelt er mit zwei Eiern und einem Salzstreuer vor seinem Schritt herum, nachdem schon Marguerites Freundin Prudence säuselte: "Sie kriegt nicht genug von Ihren Eiern." Doch sowie Armand abgeräumt ist und sein Vater Duval auftaucht, um Marguerite zum Verzicht auf seinen Sohn zu überreden, haben weder Musik noch Gefühl irgendetwas zu sagen. Jetzt regiert wieder das Geld, weil Marguerite ihrem jugendlichen Lover nicht aus Selbstlosigkeit entsagt, sondern weil sie erkennt, dass sie ohne Luxus nicht leben kann.

Dass Liebe aber kälter als das Kapital ist, wissen wir spätestens seit René Pollesch, der unter diesem Titel in Stuttgart inszenierte. Bei Polleschs Diskurstheater bedient sich Schönborn kräftig, ohne dessen Tiefe auch nur im Ansatz zu erreichen. Was den Regisseur darüber hinaus an Dumas' Rührstück sowie an Verdis Musik interessiert, bleibt unklar. Geld ist alles, na klar: Duval erfindet den Brühwürfel, erpresst Marguerite, die daraufhin mal wieder zu husten beginnt. Am Ende darf sie nicht sterben, sondern muss noch im Krankenhemd vom Geld schwärmen.

Sophie Rois mit Diven-Gesten

Inhaltlich gibt das wenig her, szenisch stehen die meisten Akteure herum wie bei einer mittelmäßigen Schultheateraufführung. Auch Sophie Rois, Star des Abends und als Schönborns Lebensgefährtin sicher nicht ganz unschuldig am Resultat, kämpft im zweiten Teil gegen die Leere des Abends. Das allerdings großartig mit dem ganzen Repertoire ihres Ächzens und Krächzens, Schmollens und Säuselns, mit dem sie schon Castorf- und Pollesch-Abende zum Leuchten brachte. Die schwindsüchtige Kokotte wird bei ihr zur eiskalten, dann plötzlich auf großer Flamme kochenden Krämerseele, die mit großen Diven-Gesten ihre Umsätze feiert und noch in der Einsamkeit des Landaufenthaltes statt Wäsche Geld bügelt.

Dazu wallt Zazie de Paris als Marguerites Vertraute Prudence mit Turmfrisur über die Bühne. Einst Balletttänzer, dann Revue-Star, später von Peter Zadek und anderen zur Schauspielerin geadelt, geht sie allerdings im Mittelmaß des Abends vollkommen unter. Dass sie selbst mal als Prostituierte gearbeitet hat, dass sie ihren Körper später als Showgirl verkaufte, - es gäbe hier viel zu erzählen. Aber Zazies Besetzung ist trotz Rois und Rudolph: verschenkt.