Großer Kunstpreis

Sehnsucht nach Afrika

Eine blonde Frau steht auf ihrer Kaffeeplantage in Afrika und weigert sich, trotz drohenden Bürgerkriegs ihr Gut zu verlassen. Die Szene aus "White Material", dem jüngsten Film von Claire Denis könnte man ebenso auf die französische Regisseurin und Drehbuchautorin selbst beziehen, die am heutigen Freitag in der Akademie der Künste den Großen Kunstpreis Berlin 2011 erhält.

Auch Denis kommt in ihren Filmen nicht so recht los von dem Land, in dem sie aufgewachsen ist.

1948 in Paris geboren, verbrachte die Tochter eines Kolonialbeamten ihre Kindheit in verschiedenen afrikanischen Ländern. Der Postkolonialismus prägt auch die meisten der Spiel- und Dokumentarfilme der 62-jährigen, die zunächst als Regieassistentin für Filmemacher wie Jacques Rivette und Wim Wenders arbeite, bevor sie 1988 mit dem autobiografisch geprägten "Chocolat" über ein kleines französisches Mädchen in Westafrika ihren ersten eigenen Film inszenierte. Ob die Fremdenlegion in Djibouti ("Beau Travail"), der Mann auf der Suche nach seinem Sohn in Polynesien ("Der Eindringling") oder die nordafrikanischen Immigranten in Paris ("35 Rhums"): immer wieder zieht es Denis an Orte, in denen die Kolonialvergangenheit und heutige Realitäten aufeinander treffen.

So begründet die Jury die Auszeichnung an Denis damit, dass "ihre Filme mit Kraft und Eleganz und jenseits erzählerischer Standards von der Grenze zwischen Eigenem und Fremdem in einer postkolonialen Welt erzählen." Auch "White Material" mit Isabelle Huppert, der vor der Preisverleihung in der Französischen Botschaft gezeigt wurde, basiert auf ihren Kindheitserinnerungen. Weitab von jedem "Jenseits von/Nirgendwo in Afrika"-Kitsch zeigt sie darin das komplexe Verhältnis von Weißen und Schwarzen im Afrika des 21. Jahrhundert.

Anders als viele ihrer Cineastenkollegen bezeichnet sie sich als "alles andere als Filmtheoretikerin. Mich interessiert das vielschichtige menschliche Zusammenleben, wie Menschen auf Herausforderungen und Schwierigkeiten reagieren. Kino sollte ganz normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen zeigen." Und diese Offenheit ist zu spüren in ihren Filmen, die ganz nah am Alltag und an den Körpern ihrer Charaktere sind, die beobachten, statt zu psychologisieren, auf Entdeckungsreise ins Unbekannte gehen und in ihren besten Momenten den Zuschauer vergessen lassen, dass das Gezeigte eine Fiktion ist.

In Frankreich gilt Denis mit ihren mehr als 20 Werken als eine der führenden Autorenfilmerinnen, doch hierzulande ist Claire Denis noch immer nur einem kleinen Kreis frankophiler Cineasten ein Begriff, trotz zahlreicher Festivalauszeichnungen und Kritikerlob.

Etliche ihrer Filme kamen nie regulär ins Kino, im letzten Oktober immerhin widmete ihr das Berliner Arsenalkino eine Werkschau. Da war u.a. zu entdecken, was sie von Wim Wenders übers Filmemachen gelernt hatte. Bei "Paris, Texas" habe sie gesehen, wie "vom Drehbuch über das Budget bis hin zur Wahl der Schauspieler und der Musik alles miteinander verwoben war". Dieses organische Konzept wendet sie seitdem bis heute an, schreibt ihre Drehbücher selbst, improvisiert viel am Set, arbeitet mit derselben Filmcrew und auch der Soundtrack stammt regelmäßig von der Postrockband Tindersticks. Selbst ihre Kamerafrau Agnès Godard lernte sie über Wenders kennen, 1987 beim Dreh von "Der Himmel über Berlin" - unweit des Ortes, an dem Claire Denis heute geehrt wird.