Ulrike Draesner

Die Geschichte vom fetten Ed und andere Bösartigkeiten

Die Menschen im heimeligen "Familienzentrum" auf der Bötzowstraße in Prenzlauer Berg kennen ihren Kiez genau. Als die Autorin Ulrike Draesner die erste Geschichte aus ihrem Buch "Richtig liegen" vorgelesen hat, erzählt ein älterer, bärtiger Mann im Publikum: Hier gleich gegenüber, da habe auch so einer gewohnt. "Der Typ war so fett, dass er nicht einmal mehr laufen konnte."

Seine Nachbarin erinnert sich ebenfalls: "Als er ausgezogen ist, musste ein Kran ihn aus dem Fenster heben."

Ulrike Draesner sagt nur, sie habe das nicht gewusst, als sie "Zarte Ration" schrieb, die erste von 17 Kurzgeschichten in ihrem neuen Buch, das trotz Titelbild keine Sammlung von Bettgeschichten ist. Es geht um Birte, die in Ed verliebt ist, aber nicht so sehr, dass "es britzelt", aber so sehr, dass ihr ohne sein "einnehmendes, einwickelndes, überschwemmendes Wesen" übel wird. Wenn Ed mit Birte schläft, ist er "überall, ohne sie zu bedrohen". Und ja, Ed hat "im Verhältnis zum Körper" einen sehr kleinen Penis. Birte ist das natürlich egal.

Ulrike Draesner nicht, denn obwohl ihre Geschichten in der Schweiz, Norwegen oder Berlin spielen - die anatomischen und gar genitalen Einzelheiten ihrer Protagonisten beschreibt sie immer wiedern in kreativen Wortungetümen wie das "Lachsbrötchengesicht" eines Kindes oder das "Wick-Augenblau" eines Mannes. So richtig warm miteinander werden Draesners Figuren nicht, obwohl das der Untertitel des Buches "Geschichten in Paaren" so andeutet - da können sie noch so sehr SMS, E-Mails, Twitter und Audiodateien austauschen.

Im Familienzentrum, wo regelmäßig "Brunchgottesdienste" oder "Literatur-Kreise" abgehalten werden, liest die Berlinerin drei Erzählungen. "Eine lange, eine kurze und eine mittlere." In der "mittleren" (zehn Seiten) beschreibt sie eine Büroaffäre im Berliner Finanzministerium. Auf den Tischen liegen Plastikpolster, die alle Länder der Europäischen Union zeigen. Für Sex klappen die Angestellten die Türkei aus, zum Arbeiten werfen sie das Land aus der EU. Das ist die zweite Szene, bei der das Publikum laut lacht. Die erste hatte mit dem fetten Ed zu tun: Als der sich durch eine Tür presst, liest die Autorin nach einer Pause: "Seitwärts". Ein kleiner Scherz auf Kosten Dicker. Der, der hier schräg gegenüber gewohnt hat, ist ja weg.