Clemens J. Setz

Das Lachen eines Grüblers

Es ist ein Bild des Dichters als vergreister Mann. Den "ganzen späten Setz" kann man in einem düsteren Zimmer sehen. Er selbst im Gitterbett, sein Werk in den Regalen. Die Prognose, wie die Karriere des österreichischen Schriftstellers einmal auslaufen wird, kommt früh, doch in der Erzählung "Das Herzstück der Sammlung" hat sie etwas Zwingendes.

Mit dem Roman "Söhne und Planeten" hat der heute 28-Jährige 2007 debütiert, dann folgte 2009 der Großroman "Die Frequenzen" mit 700 Seiten. Ein Buch und einen Verlag später - jetzt Suhrkamp - hat Clemens J. Setz eine Stufe erklommen, die ihn schaudern machen könnte. Man sieht den blassen jungen Mann vor sich und hofft, dass die Abgründe unter ihm nicht schlimmer sind als die, die er selbst erfindet. Denn abgründig geht es zu im neuen Prosaband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", der soeben den Leipziger Buchpreis gewonnen hat, aber auch oberflächlich.

Clemens J. Setz liefert Etüden böser Melancholie, ruft ihre Bilder, eins nach dem anderen, schon in der ersten Erzählung "Milchglas" auf. Die "Grauzonen von Traurigkeit, Wahnsinn und Einsamkeit" haben sich eingenistet "in Gegenständen, Gebäuden und Situationen", und so werden selbst die Kinder beim Spielen nicht froh. Nicht der Erzähler, der seinen frühpubertären Sadismus am besten Freund auslebt, und schon gar nicht Letzterer. Im öffentlichen Klo eingesperrt, bleibt er eine Nacht lang verschollen, während seinen Peiniger finstere Albträume heimsuchen. Kleine Haarföhns tropfen dem seelisch reizbaren Ich aus der Schulter, verwandeln sich in Feuerwerkskörper, und so immer fort. Man kann Clemens J. Setz nicht vorwerfen, uns Vorgänge wie diesen unpassend dargestellt zu haben.

Traumbilder an einer Schnur

Scheppernd, wie es heißt, hängen die Traumbilder an der Schnur, und diese Schnur wird durch die 350 Seiten seines Buches gezogen. Da finden wir uns auf der "dunklen Seite des Kreisels" und gleich darauf wieder in einer von Setz' prätentiösen Metaphern: "Das musste die Ungeduld der Wohnung selbst sein, eine Art eingesperrtes Vorgefühl hing in diesen Räumen, eine Erwartung, deren Ziel sich irgendwo in den Fensterkreuzen verfangen hatte." So etwas liest man und noch einmal, nimmt beim Lesen Drehung um Drehung mit und wird vom Schwindel erfasst. Dabei ist die Ausgangslage der achtzehn Erzählungen oft verblüffend einfach.

Eine unbekannte, plötzlich im Zimmer liegende Leiche kann nicht aus der Wohnung geschafft werden und bildet, in einen Teppich eingerollt, fortan einen Sockel für den Schreibtisch. Oder: Eine Frau erleidet eine Art Handtaschenpest, bei der sich zuerst auf den Visitenkarten und bald auf der Tasche selbst übel riechende Blasen bilden. Wenn Setz seinen Phantasmagorien an manchen Stellen aber doch einmal freien Lauf lässt, dann schließt sich der böse Zirkel, scheint der Träumer in einem Wachtraum namens Existenz gefangen. So viel ist immerhin wahr: Irgendein Riss geht durch diese Menschen, den die Gesellschaft nicht mehr kittet. Keine Autorität, kein Glück fügt zusammen, was ein großer Schmerz getrennt haben muss. Aber leider arbeitet Setz weder an einer Anamnese, noch haben all diese Bedrückungen Folgen, die außerhalb ihrer klaustrophoben Allegorien liegen.

Literatur ist das, blendend ausgedacht, aber selbst unter herbeizitierten künstlerischen Kronzeugenschaften von Hänsel und Gretel über David Lynch bis Heinrich von Kleist kaum einmal in passende, zwingende Form gebracht. Vieles bleibt bloße Behauptung. Und so muss man diesem Schriftsteller alles glauben. Die dunklen Soutanen aus der literarischen Landesfolklore, das vom Pater Johann dahingesäuselte "Dalleib Christi", mit dem die Schüler zwar nicht ins poetische Himmelreich eines Josef Winkler eingehen, aber vom Katholizismus doch ganz ordentlich gestreift werden. Die Österreicher haben's gut. Bei moralischem Überdruck schaffen sie sich die Entlastung barocker Schmerzlust, die bei Clemens J. Setz als moderner Sadomasosex daherkommt.

Einen Käfig besorgt die Frau des Hauses, will eingesperrt sein, gefoltert. Aber das Fourtysomething-Paar erlebt dann doch nur die expliziten Qualen unterschiedlicher Gestimmtheit. Sie hat Lust, er nicht. Ist das schrecklich, ist das peinlich? Hier bestenfalls beides. Wenn Setz in seinen Erzählungen pornografisch wird, dann kommt nichts Neues heraus.

Da sind die Mütter, die ihre Mutterliebe prostituieren, indem erwachsene Männer bei ihnen für eine Nacht lang wieder Kind sein dürfen. Der "Versuch, sich festzukrallen in den Rockfalten der Mutter" bleibt vergeblich, weil es doch rundherum so viel "ausweglose Unendlichkeit" gibt. Ein Universitätsprofessor hat sein Coming out als Wüstling. Dass er eine seiner Studentinnen einmal ordentlich "rannehmen" will, bleibt verbalerotische Ansage.

Akademisch genaue Geschichten

Es wäre viel gewonnen, wenn die Prosa des gelernten Mathematikers Setz weniger akademisch daherkäme. Sie müsste sich hineinstürzen in die wahren Zumutungen der Gegenwart und der Literatur, müsste zittern vor Genauigkeit. Die Titelerzählung handelt von der Skulptur eines Mädchens. Durch Schläge erhält diese seltsame Figur ihre Gestalt. "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" zeigt kein düsteres Paradies, da gibt es höchstens Taubenvergifter im Stadtpark und zahnlose Pensionisten. Ein leises "Maah" ist aus dem Gitterbett des greisen Schriftstellers zu hören, "Herr Setz?". Vom späten Clemens J. Setz werden wir hören, noch allerdings lesen wir am frühen.

Clemens J. Setz Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes: Erzählungen. Suhrkamp, 19,90 Euro.