Geitels Geschichten

Der hochgeehrte Unbekannte

Ausdauernder als jeder andere hat Elliott Carter der Unsterblichkeit entgegenkomponiert. Er hat im vergangenen Dezember wirklich und wahrhaftig seinen 102. Geburtstag gefeiert: eine amerikanische Denkmalsfigur der Musik, selbst wenn man hierzulande von ihm kaum je eine Note zu hören bekommen hat, so nachdrücklich sich Pierre Boulez und Daniel Barenboim als Dirigenten auch für ihn eingesetzt haben.

Der New Yorker Carter hat stets alles Gemeckere über seine Arbeit missachtet und ist unbeirrt seine eigenen Wege gegangen, selbst wenn sie gelegentlich ins Abseits führten.

Er begeisterte sich nachhaltig für Charles Ives, den komponierenden König der Außenseiter. Carter sagte allem offiziellen Formalismus Adieu. Mitte der Sechzigerjahre, nach dem Mauerbau, kam er für einige Monate nach Berlin. Damals lernte ich ihn kennen und seine offene, ungezwungene Art schätzen. Nie kehrte Carter das Genie heraus, das er zweifellos war. Allerdings hat in seinem Fall die amerikanische Musikwelt mit Lob und Anerkennung nicht geknausert. Das hat freilich einen heimatlichen Komponisten-Pulk nicht daran gehindert, lautstark gegen die Bevorzugung Carters durch Pierre Boulez, damals Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, zu protestieren.

Auch diese Proteste hat Carter in aller Seelenruhe überlebt, noch dazu auf einem weichen Lager von Auszeichnungen: Über eine schier endlose Stufenreihe von Ehrendoktoraten stieg er auf in den Ruhm und in den nachhaltigen Erfolg als Lehrer. Der trug ihm ein Leben lang saftige Stipendien ein. Von seinen Tantiemen als Komponist hätte er wohl auch nicht leben können.

Er verzichtete überdies auf öffentliche Auftritte als Dirigent oder als Pianist mit der Begründung, er falle allzu leicht seinem monumentalen Lampenfieber zum Opfer. Dabei hatte er immerhin viele Jahre musikalisch das herumreisende "Ballet Caravan" geleitet, das ihm auch prompt einen Kompositionsauftrag zukommen ließ, dem das Ballett "Pocohontas" entsprang. Seiner Ballett-Vergangenheit entsann sich Carter, als ich ihn kennenlernte, noch immer sehr gern. Es waren wohl die Jahre der befreienden Erlösung aus der selbst auferlegten kompositorischen Klaustrophobie.

Carter sah sich hauptsächlich als Kammermusiker. Davon zeugen seine vier entdeckungsfreudigen Streichquartette: das erste 1951 entstanden, das letzte 35 Jahre später. Sie decken geradezu sein Komponistenleben ab. Es ist schön zu wissen, dass sich diese lebenslängliche Kontinuität am Ende ausgezahlt hat. Dennoch scheint der inzwischen uralte Meister der unbedankteste Komponist seiner Epoche. Warum auch immer?

Michael Tilson Thomas, seit langem San Franciscos Lieblingsdirigent, hat versucht, dies Missgeschick Carters zu entschlüsseln. Er hat ihm nachgesagt, nicht länger als sieben Minuten selbst seine willigsten Zuhörer fesseln zu können, danach aber bereits am Ende seines kompositorischen Lateins zu sein. Barenboim hat Carters individuelle Sprache gelernt. Tilson Thomas offenbar trotz wiederholter Anstrengung nicht.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern