Theater

Knallchargen von drüben: Ein Rückblick auf SED-Politiker

Dass dieser Vorhang eher an Puppentheater als an große Oper erinnert, liegt nicht nur am Format: Auf der Probebühne des Berliner Ensembles treten die Protagonisten in den Rahmen aus rotem Samt, spitzen trockene Protokolle und Aktennotizen dialektreich zu und gehen dann wieder ab, mit einem Gong dirigiert von Norbert Stöß' erzählendem und einordnenden Regisseur in der ersten Publikums-Reihe.

Die Collage "Der 'Lukullus'-Skandal" des Brecht-Forschers Werner Hecht erinnert an einen frühen kulturpolitischen Sündenfall der DDR auf: An der Oper "Das Verhör des Lukullus", die Bertolt Brecht und Paul Dessau über Jahre hinweg als work in progress schufen, wollte die sozialistische (Kultur-)Politik ein Exempel statuieren - Formalismus wurde ihr vorgeworfen in einer Zeit, als volksnaher Realismus gefragt war.

Also entspannen sich heftige Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern, wurde die Oper zwar zur Uraufführung am 17. März 1951 an der Berliner Staatsoper im Admiralspalast angesetzt, Karten gab es aber nicht im freien Verkauf. Dass diese Aufführung dennoch zu einem Erfolg wurde, dürfte vor allem daran gelegen haben, dass die von Partei, FDGB und FDJ verteilten Tickets gegen harte D-Mark die Besitzer wechselten. So kam auch die westdeutsche Presse rein - und jubelte hinterher pflichtschuldig, obwohl die Oper für heutige Ohren auch in der Urfassung arg didaktisch und pathosschwanger klingt.

Manfred Karge erzählt die ziemlich vertrackte Entstehungs- und Behinderungs-Geschichte mit Happy End (als "Die Verurteilung des Lukullus" wurde das Werk leicht verändert zu einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Opern der DDR) als wohlig klappernden Wettlauf zwischen Gut und Böse: Chronologisch werden Parteikader wie Wilhelm Pieck, Erich Honecker, Kulturminister und die beteiligten Künstler als Reigen des schrägen Typenkabaretts auf die Bühne geschickt. Bemerkenswert, dass Brecht (Winfried Goos), Helene Weigel (Katharina Susewind) und Dessau (Felix Tittel) ziemlich jung besetzt wurden, während die fiesen Parteigenossen, die ahnungslos über ungelesene Werke schwadronieren, als alte, feiste Knallchargen mit herabgezogenen Mundwinkeln für die wohlfeilen Lacher zuständig sind. Historisch ist dieses Jung gegen Alt eine ebenso eigenwillige Interpretation wie manch inhaltliche Zuspitzung. Ähnlich schwarzweiß funktioniert die Aufteilung in der großen Diskussionsszene: Die Funktionäre schwingen am Pult ahnungslose Reden, ohne die Beschuldigten direkt anzusprechen. Brecht, Dessau, Staatsopernintendant Ernst Legal und Dirigent Herrmann Scherchen antworten leise, bescheiden und Helene Weigel richtet sich mit fester Stimme gleich ans Publikum. So wird ein Tribunal inszeniert, dass Dessau zur Feststellung hinreißt: "Ich komme mir vor wie Lukullus."

Am eindrücklichsten wirken Ausschnitte eines eigentlich zur Vernichtung vorgesehenen Radio-Mitschnitts und Fotos der Uraufführung, weil sie vor Augen und Ohren führen, wie fremd damals diese Musik gewirkt haben muss. Am Ende formt sich der "Lukullus"-Skandal zum Gründungsmythos des Berliner Ensembles im Theater am Schiffbauerdamm und lässt so eine Vermutung zu, warum uns das BE diese schlichte Geschichts-Revue auftischt: Bis 1954 hatte Brechts Truppe lediglich Gastrecht am Deutschen Theater. Laut Hecht/Karge planten die DDR-Offiziellen nach der Opern-Affäre ein eigenes Theater fürs BE als erzieherische Maßnahme. Hier sollte Brecht die Massen der Werktätigen gewinnen - und mit seinem "Primitivismus und Pessimismus" auf die Nase fallen. Dass ein eigenes Haus fürs BE schon länger in Planung war - wen kümmert's? Als Pointe taugt die Geschichte allemal.

Berliner Ensemble /Probebühne, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 284 08 155. Termin: 17. März, 19.30 Uhr.