"Tristan und Isolde"

Ein Grabloch im Sofa

Der Jammer: jeder hat seine eigene, unverrückbar feste Vorstellung des Werkes, das zu sehen und zu hören er sich ins Theater oder in die Oper begibt. Kommt da nun ein ebenso unschuldiger wie ahnungsloser Fremder, der an dieser von zuhause mitgebrachten Fantasie jedes Einzelnen im Publikum kratzt, scheint auf Anhieb die Welt unterzugehen.

Dabei ist es doch nur die Welt der Herkömmlichkeit. Wer zu früh buht, ist am Ende möglicherweise der Dumme.

Wagners "Tristan und Isolde" in der Deutschen Oper niederzumachen fingen die Statthalter der Herkömmlichkeit diesmal früh an. Schon nach dem Ende des 1. Aktes kündete vom radikalen Widerspruch gegen die Inszenierung von Graham Vick. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch ahnen konnte, welche neuen, unbekannten Wege die Inszenierung denn noch gehen würde und zu welchem Ziel.

Einstweilen hätten die Zuschauer sich ja ruhig auf die musikalische Darstellung durch das exzellente Orchester unter Donald Runnicles verlassen können. Es spielte mit Andacht, mit Schlagkraft, mit Verständnis, mit Lyrismus. Es entfesselte Nachdenklichkeit. Alles in klarem Einverständnis zwischen Wagner und seinem Dirigenten. Runnicles, seit 2009 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, hat sich von Anbeginn als kundiger und inspirierter Wagner-Interpret ausgewiesen. Er ist in dieser Musikwelt, gemischt aus Diesseitigkeit und Jenseitigkeit begeistert und begeisternd zuhaus, achtet die Schnittflächen und fügt sie durchaus mitreißend zusammen.

Glänzendes Orchester

Er besitzt Stehvermögen für die riesigen Klangflächen, die Wagner ihm aufbürdet. Seine Interpretation wird nie langweilig oder mühselig. Sie bleibt dem Wagnerschen Ausdruckswillen stets strikt auf der Spur. Schon das ist rühmlich und aller musikalischer Ehren wert. Natürlich kann man sich manches Krisengeschüttelter denken. Aber das glänzende Orchesterspiel fließt ebenso unbeirrt dahin wie der Zugverkehr in Deutschland - falls nicht gestreikt wird - und kommt unangefochten am vorgesehenen Zielbahnhof "Liebestod" an. Alles aussteigen nach fünfstündiger Fahrt! Was hat man nicht alles zu sehen und zu hören bekommen?

Graham Vick hat aus Wagners "Tristan" ein ungeheures, bitteres Salon-Stück gemacht, das nicht von einer einzelnen Liebeskatastrophe erzählt, sondern von jener, der alle Welt unterworfen ist. Wir alle sind Opfer, sagt Vick, von Kindesbeinen an sozusagen. Ein Weglaufen ist unmöglich. Man ist seinem Leben und seiner Liebe ausgeliefert von Anfang bis Ende. Mitten im Salon schaufelt ein splitternackter Totengräber ausdauernd ihr Grab. Ein eleganter Sarg gehört ebenso zur Wohnungseinrichtung wie die Küchenutensilien, die man durch ein schmales Fenster erblickt. Das feine zweisitzige Ledersofa wird zur Anklagebank.

Von Anfang sitzt in seinem Lehnstuhl ein alter Herr versonnen dabei und lässt alle Aufregungen hinter sich reglos aufflammen und hinter seinem Rücken niederbrennen, dass die Funken stieben. Es scheint ihn nichts anzugehen. Er ist längst darüber hinaus. Man weiß noch nicht, dass dieser Zuschauer, eingekapselt in Einsamkeit, König Marke ist. Das erfährt man erst beiläufig am Ende des Aktes. Er wird übrigens vom riesigen Kristinn Sigmundsson hervorragend gesungen. Es gelingt ihm, die schier endlosen Vorwurfs-Monologe, mit denen er Tristan (und das Publikum) übergießt, fesselnd vorzutragen, ihnen Wärme zu belassen und ein gehöriges Quantum Vorwurfskraft. Selten erfuhr man mit vergleichbarem Nachdruck wie Deutlichkeit, von den tiefgreifenden Vergehen, die Tristan begangen hat.

Aufdringlich und grell

Nicht dass Isolde und Tristan zum Schweigen verurteilt worden wären. Den ersten Akt hindurch gellen Isoldes Klagen und Anklagen allzu aufdringlich und grell ins Ohr. Erst vom 2. Akt an gewinnt Petra Maria Schnitzer die Gewalt über eine größere Zahl von Nuancen und singt sie dann durchaus zutreffend aus. Selbst den Liebestod am Ende der Sterbens-Olympiade, zu der sie Graham Vick inszenatorisch verurteilt hat, singt sie mit der erforderlichen Abschiedsinbrunst. Dann folgt sie in weitem Abstand ihrem Tristan ins Freie und schert ein in die aus Alt und Jung gemischte Sterbekolonne, die gesenkten Hauptes dem Tod entgegenpilgert. Man liebt halt nicht allein. Man stirbt nicht allein. Das ist Graham Vicks tragische Botschaft, der Wagner zweifellos zugestimmt hätte.

Paul Brown hat Bühne und Kostüme entworfen, einschließlich des Grabloches im Rücken des Sofas, das allerdings nur bescheidene Spatenwürfe von Erde hergibt, so tief es auch klafft. Weiterhin auffällig und immer wieder beunruhigend die riesige, scheinwerfergleiche Lampe, die bald drinnen im Raum schwingt, bald draußen vor der Fensterfront und gelassen jeden Schrecken ausleuchtet, als sei er das A und das Z dieser Welt, und nicht anderes zugelassen. Außer natürlich Peter Seiffert als schier einzigartiger Tristan.

Seiffert ist der Heldentenor schlechthin. Er verfügt über stimmliche Steigerungsmöglichkeiten ohne Grenzen, bleibt dabei aber immer innerhalb des ästhetisch Anrührenden. Die Fülle von Varianten, die er seinen endlosen Sehnsuchtsmonologen vor dem Sterben beimischt, rufen Bewunderung hervor.

Jane Irwin sang eine gradlinig dienende Brangäne, eine Dienerin, wie sie im Bilderbuch steht: mit immerfort wohlaufgeräumter Stimme. Eike Wilm Schulte gab gewissermaßen ihre Übersetzung ins Männliche. Er sang die Beifallsbekundungen für seinen geliebten Herrn Tristan mit klarer Zuneigung heraus. Abneigung und Zuwendung mischen sich am Ende kräftig. Beifall und sein nicht minder kerniges Gegenteil machten dem Publikum den Abschied vom Opernhaus diesmal sichtlich schwer.

Deutsche Oper , Bismarckstraße 35, Charlottenburg. Tel. 34 38 43 43. Termine: 17., 22., 26., 30. März und 3. April.