Theater

Ein Abend für Gestrige

Deutschlands verlässlichste Chronistin für das, was Gegenwart bedeutet, ist die Tagesschau und sie verrichtet schon ihren Dienst, während das Publikum im Studio des Maxim Gorki Theaters noch seine Plätze sucht: Jan Hofer kommentiert über den am Bühnenrand platzierten Fernsehschirm Bilder von rauchende Reaktoren und den Folgen des Tsunami in Japan.

Bis zwei Frauen und ein Mann die Bühne betreten und klar machen, dass es von nun an um etwas gehen wird, das so viel schwerer zu fassen ist als die Gegenwart: Die Vergangenheit. Und zwar um die von Nelly Jordan. Sie bricht, zusammen mit Bruder Lutz, ihrem Lebensgefährten H. sowie Tochter Lenka im Jahr 1971 von Ost-Berlin aus auf zu einer Reise in ihren Heimatort, der jetzt in Polen liegt. Es ist die Suche nach ihrer verlorenen Kindheit, die Erforschung ihrer Lebensgeschichte, die auch Zeitgeschichte des deutschen 20. Jahrhunderts ist. Mit all den Fragen um Verantwortung und den Mechanismen der Verdrängung, die sich aus den Jahren zwischen dem Nationalsozialismus und der damaligen DDR eben ergeben. Es fährt bei dieser Reise die eine entscheidende Frage auf der Rückbank mit: Wie sind wir zu dem geworden, was wir sind?

Gestellt hat sich diese Frage Christa Wolf in ihrem 1976 erschienenen autobiografischen Roman "Kindheitsmuster", den Johann Kuithan als Grundlage für seine gleichnamige Inszenierung nahm. Was nun also stellt er damit an? Nicht viel. Es gelingt ihm nicht, von der Gegenwart aus, neue Fäden in das zwischen den Zeiten wandernde Wortgewebe zu spinnen. Dieser Abend verharrt im Gestrigen, für das Kuithan gleichwohl auch schöne Bilder findet, wie das des Wendefotos im Wohnzimmer: Vorne Hitler, hinten Stalin, je nach Bedarf. Ein Kosmonaut tritt auf, der hat Erfahrung mit Schwarzen Löchern, in die die Erinnerungen manchmal versinken und als Projektion hinten im gläsernen Guckkasten windet sich immer mal wieder eine Blindschleiche durch den Nebel des Gewesenen.

Über die drei Darsteller Ruth Reinecke, Ninja Stangenberg und Gunnar Teuber, die in wechselnden Rollen agieren, berühren sich die Zeiten gewissermaßen auf der Bühne, doch dabei bleibt es und damit verpasst Regisseur Kuithan gleich mehrere Chancen des Stoffes, vor allem aber diese: Dass all dieses Erinnern aus einer sozialistischen Gegenwart heraus geschieht, die inzwischen längst vergangen ist, wäre sicher mehr als einen Blick wert gewesen. So aber erfahren wir über vergangene Zeiten höchstens, was wir schon wussten, über die Menschen und was die Zeit mit ihnen machte und immer noch macht wenig. Dann lieber zurück in die Gegenwart mit neuen Bildern aus Japan. Die sind so lange spannender bis auch sie irgendwann mühsam wieder erinnert werden müssen.

Maxim Gorki Theater /Studio, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15, Termine: 28.3., 13.4., jeweils 20.15 Uhr.