Festival

Eine Generation in der Warteschleife

Russisch, Finnisch, Hebräisch sind nicht gerade gängige Sprachen auf Berliner Bühnen. Insofern ist es der größte Verdienst von F.I.N.D. 2011, dem heute endenden Festival Internationaler Neuer Dramatik an der Schaubühne, einen geballten Rundblick auf das Bühnenleben anderer Länder zu ermöglichen. Nebensache, dass sich der Begriff neue Dramatik dabei als äußerst dehnbar erweist.

Gerade, weil sich dieser zehnte Jahrgang weder um Nationen noch um das Alter der Texte schert, brachte F.I.N.D. 2011 teils großartige Inszenierungen nach Berlin. Allen voran "Schukschins Erzählungen" vom Moskauer Theater der Nationen. Alvis Hermanis, der regelmäßig in Berlin gastierende lettische Theaterzauberer, hat dafür zehn schon etwas in die Jahre gekommene Erzählungen Wassili Schukschins (1929-1974) sensibel ins Heute geholt. Die melancholisch weisen Dorfgeschichten stellt er auf eine hölzerne Bühne mit langer Bank. Nur die Hintergründe wechseln: Monika Pormale hat Bewohner der Altai-Region fotografiert, in der die Geschichten spielen, tiefenscharf und hoch atmosphärisch. Hier skizzieren acht Schauspieler um den grandiosen Jewgenij Mironow plastische, unvergessliche Porträts: Sie erzählen mal komisch, mal mit kleinen Gesten, Blicken und vielstimmigem Gesang von Brautschau und Stiefelkauf, Liebeskummer und Nachbarschaftstratsch.

Während das fantastische Ensemble drinnen Jubel erntet, erleben draußen zwischen Schaubühne und Casino wenige Auserwählte in sieben Autos die "Beichten" von sieben jungen europäischen Autoren. Etwa zur selben Zeit endet die letzte Vorstellung von "Hilda" von Marie NDiaye. Die französische Autorin, die aus Protest gegen die Politik Nicholas Sarkozys in Berlin lebt, schrieb ihr streng komponiertes Stück einer Auslöschung 1999: Das Dienstmädchen Hilda wird von ihrer Herrin Madame Lemarchand ganz in Besitz genommen. Sie selbst tritt nie auf, ihr Schicksal wird in kargen Dialogen zwischen der Madame und Hildas Mann verhandelt. Am Ende ist sie tot, kaputtgespielt.

Cilla Back hat "Hilda" für das finnische Tutkivan Teatterityön Keskus als kalt durchdesignte Bürgerlichkeitshölle inszeniert: Madame Lemarchand beherrscht ihr Alptraumreich zwischen exakt gestutzter Hecke und streng gesicherter Tür. Minna Haapkyläs spleenige Tyrannin zieht durchaus beeindruckend sämtliche Register zwischen Unschuldslamm und Hyäne. Dennoch fremdelt die absurde Logik des Stücks, bleibt der Abend in durchdesignter Langeweile stecken.

Die Schauspieler sind das eigentliche Wunder beim Festival: Selbst beim missglückten Auftakt, Wajdi Mouawads selbst arrangierter Uraufführung seines symbolüberfrachteten Stücks "Zeit", gab es herausragende Leistungen. Und die ins Repertoire der Schaubühne übernommenen Uraufführungen von "Regen in Neukölln" und "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben..." leben wesentlich vom komödiantischen Furor ihrer Darsteller.

So auch Hanoch Levins "Morris Schimmel". Es ist das letzte Stück des 1999 gestorbenen Dramatikers und erzählt mit Woody-Allen-Witz von einer Generation in der Warteschleife: Immer in Erwartung einer besseren Zukunft und voll Erinnerung an den einen vielversprechenden Moment in ihrer Vergangenheit, schrammeln der Mittvierziger Morris und seine drei Loser-Kumpel selbstmitleidig am Leben vorbei.

Das ist komisch, oft aber auch von Melancholie durchzogen, die Regisseurin Yael Ronen (ihre wegweisende "Dritte Generation" läuft im Repertoire der Schaubühne) in der Produktion des Habima Nationaltheaters so pointensicher wie poetisch auffängt. Tänzerisch leicht und skurril loten zehn Schauspieler Lebens- wie Todesangst und Verstopfungsprobleme aus; Ukulele und Akkordeon schrummeln dazu den Chanson-Blues. Wenn Lia Kenigs grandiose jüdische Nerv-Mutter ein wieder ihren phlegmatischen Sohn (Avi Kushnir) runterputzt, indem sie ihr eigenes Leid hell erstrahlen lässt, dann lacht man mit einer Herzlichkeit über die Untröstlichkeit des Daseins, in der auch immer eine Prise Weltschmerz steckt.