Interview mit Sven Regener

"So toll ist das Internet nicht"

In den vergangenen Jahren hat Sven Regener, der Sänger von Element of Crime und Autor der Lehmann-Trilogie, immer wieder Blogs geschrieben. So war er ab Sommer 2005 auf spiegel.de, berlin.de und taz.de jeweils für einige Woche zu lesen.

Die Einträge sind nun in dem Buch "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher" (Galiani Verlag, 432 Seiten, 19,95 Euro) zusammengefasst, das morgen erscheint. Hamburg-Heiner ist eine erdachte Figur. Sie ist Regeners gutes Gewissen, Stichwortgeber und Nervensäge in einem. Seine Blogs sind mal selbstreferentiell ("Ein Blog muss ungerecht, verlogen und böse sein, oder das bringt alles nichts"), sarkastisch ("Das Berliner Umland ist schön. Darüber sind sich alle einig") oder er schwelgt in Erinnerungen ("Unvergessen: Michael aus Neukölln beim Sat1-Glücksrad 1993: 'Ick löse uff: Der Zwerg reinigt die Kittel'"). Mit ihm sprach Matthias Wulff.

Berliner Morgenpost: Herr Regener, Sie sind so bekannt und können in jedem Medium jederzeit etwas sagen. Warum haben Sie in Gottes Namen einen Blog geschrieben?

Sven Regener: Ich berichte dort ja nicht von meinem richtigen Leben. Es gibt einige reale Elemente; dass wir auf Tournee sind zum Beispiel oder ich auf der Buchmesse. Der Rest ist ausgedacht, so wie Hamburg-Heiner.

Berliner Morgenpost: Mit dem kabbeln Sie sich immer. Verbirgt sich wirklich niemand dahinter?

Sven Regener: Nein, den brauchte ich, um das ganze Ding am Laufen zu halten. Mir ging bei meinem ersten Blog ja schon nach zwei Tagen die Luft aus. Ich halte das Meiste, was ich erlebe, nicht für besonders berichtenswert. Mir machte der Blog erst Spaß, als ich anfing, die Realitäten auszuschmücken. Eigentlich bin ich da reingeraten, ohne es richtig zu wollen. Es war die Idee der Plattenfirma, die fand, dass das eine lustige Promo sei.

Berliner Morgenpost: Für Hamburg-Heiner ist das nichts anderes als Nuttenkram.

Sven Regener: Ich war auch sehr skeptisch. Ich habe noch nie Tagebuch geführt, nicht einmal eins angefangen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie die Kommentare in Ihrem Blog gelesen?

Sven Regener: Natürlich nicht. Ich meine, was bringt das? Mit der Kommentarfunktion wird doch vorgegaukelt, dass die Leute tatsächlich Einfluss hätten, wenn sie dort schreiben. Kein ernst zunehmender Künstler aber lässt sein Publikum Einfluss nehmen auf das, was er da tut. Wenn man uns sagen würde, spielt mal schnelle Stücke, dann machen wir das garantiert nicht.

Berliner Morgenpost: Die Idee von Interaktion funktioniert also nicht in der Kunst?

Sven Regener: Kunst funktioniert immer nur in eine Richtung. Hier ist das Publikum, dort der Künstler. Wie soll es auch anders gehen?

Berliner Morgenpost: Sagen Sie das nicht nur, weil Ihre Band so populär ist?

Sven Regener: Wir haben in den ersten Jahren vor 50 Leuten gespielt. Oder als Vorband für Herbert Grönemeyer. Ich weiß, was Ablehnung ist.

Berliner Morgenpost: Klingt grauenhaft.

Sven Regener: Fand ich nicht. Man darf die Reaktion des Publikums eben nicht verwechseln mit einem persönlichen Lebenswert, auch nicht, wenn es besser läuft. Wenn man ernst nimmt, was die Leute über einen denken oder schreiben, wird man entweder depressiv oder hält sich für den Größten. Ich würde mir auch nichts von dem, was in den Blogkommentaren geschrieben steht, zu Herzen nehmen. Warum soll ich sie mir dann durchlesen?

Berliner Morgenpost: Kommentare auf den Blogs sind Scheindemokratie?

Sven Regener: Sie sind halt möglich. Und was möglich ist, wird auch gemacht. Man bekommt ja auch Briefe von Leuten, die einem erzählen, wie ich es hätte besser machen sollen.

Berliner Morgenpost: Das lesen Sie nicht?

Sven Regener: Fast nie. Das wird vorher aussortiert.

Berliner Morgenpost: Von wem lassen Sie sich was sagen?

Sven Regener: Von niemanden.

Berliner Morgenpost: Aber innerhalb der Band doch schon, oder?

Sven Regener: Ja, aber nur auf der positiven Ebene, in dem wir zusammen Songs finden. Wenn einer von uns sagt, ich finde den nicht gut, dann wird darüber nicht diskutiert, dann wird darüber nicht abgestimmt, dann wird es einfach nicht gemacht.

Berliner Morgenpost: Gestern habe ich mir auf youtube die Kommentare zu Ihren Videos angeschaut. Lustig war, als einer schrieb, dass Ihre Band mit Grönemeyer und Müller-Westernhagen mithalten könnte.

Sven Regener: Aber für den ist das doch so. Und in seiner Welt hat er auch recht, denn er liebt Grönemeyer und Westernhagen. Und er möchte das gern mitteilen und auch das finde ich völlig in Ordnung. Es ist wie ein Chatroom. Den hatten wir bei Element of Crime auch, mussten ihn allerdings irgendwann mal zumachen. Es haben einfach zu viele Leute rumgepöbelt. Und wir haben keinen, der sich darum kümmert. Wir sind ja nicht angetreten, um das Internet zu revolutionieren, sondern um Musik zu machen.

Berliner Morgenpost: Als Daumenregel gilt: Spätestens der zehnte Eintrag hat nichts mehr mit deinem Artikel zu tun.

Sven Regener: Bei meinem Blog auf der "taz" stand in der Überschrift das Wort "Genfood". Das war für die Leser der "taz" ein Reizwort, die haben das kommentiert ohne Ende, obwohl es in meinem Blog gar nicht um Genfood ging. Das Internet ist der Traum jedes Leserbriefschreibers. Der ist ja auch im Zeitungswesen eine berüchtigte und groteske Figur, weil der glaubt, er könne da ordentlich auf den Putz hauen und somit die Dinge verändern.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben über das Internet: "Recherchiert wird hier gar nichts, hier wird einfach nur behauptet". Das klingt abschätzig.

Sven Regener: Ach Quatsch. Wir sollten aufhören, das Internet mit so einem Heilsversprechen zu verbinden. Dahinter steckt ein mechanistisches Denken. Sobald sich das System der Kommunikation verändert, verändert sich auch der Inhalt. Das ist genauso wie die Sprüche: Wenn man erst mal das kapitalistische System abschafft, dann werden die Leute nicht mehr so habgierig sein. Das ist das Denken in Apparaturen. Die Wahrheit ist doch: Die Leute sind keinen Grad schlauer durch das Internet. Die ganze Doofheit, die einen an seinen Mitmenschen schon immer nervte, wird einem im Internet genauso nerven. Wenn der Journalismus schon vorher schlecht war, wird er durch das Internet auch nicht besser. Und wenn er vorher gut war, wird er auch im Internet gut sein. Ich finde das Internet sehr praktisch, aber ich weigere mich es zu überschätzen. So doll ist das Internet nicht. Es wird nicht die Probleme der Menschheit lösen.

Berliner Morgenpost: Aber die Veröffentlichung von diplomatischen Geheimnissen würde es nicht geben, wenn wir kein Internet/Wikileaks hätten.

Sven Regener: Aber wie ist denn Wikileaks an die Öffentlichkeit gegangen? Sie haben bestimmte ausgewählte Medien ausgesucht. Das irgendetwas im Netz allein herumsteht, bringt auch nichts. Wikileaks hat einen sehr traditionellen Weg gewählt.

Berliner Morgenpost: Dass Herr zu Guttenberg so massiv abgeschrieben hat und erwischt wurde, ist auch den vielen im Internet zu verdanken, die seine Plagiate aufdeckten. Sie glauben nicht an die Weisheit der Vielen?

Sven Regener: Doch, das macht ja jeder, der an die Demokratie glaubt. Aber ich weiß nicht, ob der Begriff so zutrifft. Für mich ist Wikipedia wie eine Enzyklopädie, nur mit einer viel, viel größeren, aber weniger reglementierten Redaktion.

Berliner Morgenpost: Lesen Sie regelmäßig Blogs?

Sven Regener: Nein. Ich habe gern Joachim Lottmann gelesen.

Berliner Morgenpost: Stimmt, der war toll. Aber ansonsten gibt es kaum interessante Blogs, wie es auch selten dauerhaft interessante Kolumnen gibt.

Sven Regener: Deshalb heißt mein Buch auch Logbücher, um zu zeigen, dass es sich um ein zeitlich begrenztes Vorhaben handelt. Das Schiff fährt von hier nach dort und dann muss das Logbuch abgegeben werden. So muss das auch sein.

Berliner Morgenpost: In Ihrem ersten Blog schreiben Sie, dass Sie "ein kokettes Tagebuch" führten.

Sven Regener: Und das war es ja auch am Anfang. Man arbeitet es brav Tag für Tag ab und passt auf, dass es nicht total fade wird. Denn so ist das richtige Leben: Das richtige Leben ist fad. Später wird es dann, auch durch den zunehmenden Einsatz von Hamburg-Heiner viel freier. Wenn ich von der Paranoia bei einer Tour berichte, dann wird es halt fiktiv.

Berliner Morgenpost: Es gibt ja auch dieses Lied Ihrer Band über Paranoia...

Sven Regener: ..."Hände weg von meiner Paranoia". Paranoia ist ein tolles Wort. Es gibt ja diesen schönen Satz von Kurt Cobain: Nur weil Du Paranoia hast, heißt es ja nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben in einem Eintrag: "Gegen Paranoia wollen sie mir Johanniskraut verkaufen, aber ich lass mich nicht verarschen. Die stecken doch alle unter einer Decke."

Sven Regener: Paranoia treibt die Menschen zu Höchstleitungen an. Und sie ist keinem fremd.

Berliner Morgenpost: Sie konterkarieren mit dem "faden Leben" die Erwartungen: Von einem Musiker erwartet der Leser Sexparties, eingeschlagene Fernseher, Ruhestörung.

Sven Regener: Wer weiß? Vielleicht fand ich das ja alles nicht erwähnenswert. Die meiste Zeit im Leben eines Musikers ist doch warten: Warten auf die neue Platte, warten auf die Tour, warten vor dem Auftritt. Da ist unglaublich viel tote Zeit. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, sich schon mittags zu besaufen und ordentlich Halligalli zu machen. Das haben wir früher schon gemacht. Aber dann kann man auch nicht mehr bloggen.