Literatur

Rauchen, eine sinnliche Erfahrung

Das neue Buch "Nikotin" des Schriftstellers und Ex-Rauchers Gregor Hens ist weder Roman noch Sachbuch noch Essay. Bei der Premierenlesung sagt er, dass er sich um diese Frage nicht gekümmert hat und genau deshalb eine große Freiheit beim Schreiben spürte. Diese Freiheit ist dem Buch ausgesprochen gut bekommen.

Es enthält Fotos, Fragebögen und Statistiken, vor allem aber wird hier ein Leben entlang des Rauchens erzählt.

Alles beginnt mit der ersten Zigarette, die Hens als Sechsjähriger in einer Sylvesternacht bekommt, um damit eine Rakete anzünden. Noch nach dem Abschuss hält er die glühende Kim in der Hand und seine Mutter sagt beiläufig: "Du musst daran ziehen, sonst geht sie aus." Es waren die unbekümmerten sechziger und siebziger Jahre, als Kinder auf den Autofahrten noch zugequalmt wurden. Hens zeigt das alles, ohne zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Es sind die sinnlichen Erinnerungen, die dieses Buch so wunderbar machen. Er erinnert sich an Orte, an große Momente, an seine erste Liebe. Die unerreichbare Eliana, mit der er eine Zigarette teilt und im Rückblick bemerkt, dass sein erster Liebeskuss nichts als Rauch war.

Neben den Erinnerungen schenkt Gregor Hens uns auch ein neues Lieblingswort: Fumotope. Damit sind die Rauchergrüppchen vor Gebäuden gemeint, die in ihm gleichermaßen Mitleid wie Neid hervorrufen. Doch wie jede Geschichte vom ist Rauchen ist auch "Nikotin" eine Geschichte von Rückfällen. Nach einem schweren Fahrradunfall, der gnadenlos komisch erzählt wird, ist es soweit. Als Hens wieder laufen kann, schnorrt er sich als erstes eine Zigarette: "Ich hatte acht Jahre nicht geraucht. Ich taumelte hinaus, hielt mich an dem wackligen Geländer vor der Bar fest und weinte vor Glück."

Die Rückfallzigarette ist seine größte Obsession, das beste Rauch- und Rauscherlebnis überhaupt. Damit hat Hens ein deutlich schwerwiegenderes Problem als die Hauptfigur in Italo Svevos Raucherromanklassiker "Zenos Gewissen", in dem es immer wieder um den Genuss der letzten Zigarette geht, abgekürzt LZ genannt. Hens hält die LZ für überbewertet. Bei seinem letzten und bis heute anhaltenden Versuch wusste er nicht einmal, dass es sich um seine letzte Zigarette handelte. Es war einer dieser lauen, immer auch geselligen Sommerabende in Berlin, als seine seit Jahren abstinente Freundin plötzlich Lust bekam wieder anzufangen. Also hörte er sofort auf. Siebzig Prozent der Raucher behaupten, sie könnten jederzeit aufhören, wenn sie nur wollten. Nur wollen können sie nicht, wie Gregor Hens sagt. Trotzdem, dass muss zur Vorsicht gesagt werden, macht dieses Buch unvorstellbare Lust aufs Rauchen. Wenn Hens den Kick in den ersten Sekunden beschreibt, den Moment der Klarheit beim ersten Zug, dann liest sich das wie eine Anleitung zum bewussten Rauchen. "Ich habe weit über hunderttausend Zigaretten geraucht und kann man beim besten Willen nicht sagen, ob man beim Anzünden das Papier knistern hört wie in der Kinowerbung. Ich habe offenbar niemals, nicht ein einziges Mal darauf geachtet." Der rauchender Leser kann spätestens jetzt sagen: Ja, es knistert tatsächlich. Und es ist schön, wie es knistert.