Film

Versuchskaninchen im Auftrag des Sports

Von allen schrulligen Polizeifiguren im deutschen Fernsehen ist Rudolf Krause als André Langner der schrägste und drolligste Außenseiter. Lang sind Kopf und Extremitäten, der ganze Mann ist ein Elend: verdruckst, ungeschickt und unbeholfen, oft übermüdet und überempfindlich - und meistens fühlt er sich auch noch ungerecht behandelt.

Es ist kein geringes Kunststück der Reihe "Unter Verdacht", dass sie diesem traurigen Sancho Pansa einen labilen weiblichen Don Quichote beigesellt hat, der von Senta Berger mit resoluter Ungeduld gespielt wird: Dr. Eva Maria Prohacek leitet seit Jahren die internen Ermittlungen in der Münchner Polizeibehörde, außer auf die Hilfe ihres Herrn Langner kann sie auf nichts vertrauen - aber auf diese Hilfe eben auch nicht. "Haben Sie Angst?", fragt sie Langner einmal, als die Kugeln fliegen und beide sich hinter einem Auto verschanzt haben. Der Gehilfe nickt, stumm vor Entsetzen. "Ich auch", sagt Frau Prohacek dann - und verlässt die Deckung.

In bisher 14 deprimierenden Filmen haben wir gesehen, dass es im Amt keinen Helden gibt, aber alleweil kleine und große Schurken, von denen Dr. Claus Reiter, der Vorgesetzte von Eva Prohacek, der abgefeimteste ist. Der einzigartig seifige und fiese Beamte, von Gerd Anthoff mephistophelisch gespielt, klagt über die "Elefanten da oben" und tritt nach unten, er ist ein gewissenloser Opportunist und rachsüchtiger Kleinbürger. Aber im Triumph wird diese miese Charge zu einem wahren Piranha der Schadenfreude - das boshafte Lachen, die kindliche Begeisterung sind Shakespeares Jago würdig.

In der neuen Folge "Laufen und schießen", von Ed Herzog nach einem Buch von Wolfgang Stauch inszeniert, ist eine subtile Ironie am Werk, die sich niemals heimlich gibt. Schon zu Beginn sehen wir Langner als verdeckten Ermittler in der Münchner Polizeiwache 37, wo er den verdächtigen Macho-Polizisten Artur Jung und Thomas Schön auf die Finger sehen soll. Philipp Moog und Tim Bergmann spielen diese korrupten Schnösel als arrogante Wichtigtuer, die Steffi Schober einschüchtern, eine junge Polizistin, die an der Sportschule gerade ihre Biathlon-Karriere hingeworfen hat. Nun will sie die dort üblichen Doping-Methoden aufdecken - doch bei einem Einsatz wird sie vom Dach geschubst und stirbt. Ihr Freund Xaver, ebenfalls Polizist und Biathlet, will Steffi rächen und ballert blindwütig mit dem Gewehr herum.

André Langner gibt ohne Mühe den Tollpatsch. Und Eva Prohacek muss feststellen, dass "die da oben" großes Interesse an Erfolgen im Biathlon haben. Die Fäden laufen zusammen bei Stefan Dussner (Justus von Dohnányi), einem alerten Manager, der schwunghaften Handel mit leistungssteigernden Präparaten treibt. Dr. Claus Reiter führt eine Privatfehde mit dem eitlen Funktionär Ludwig Steiner (im Trachtenjanker: Johann von Bülow), der den Lorbeer gern allein erntet.

So entwickelt sich geradezu gemütlich ein bayerischer Schwank um Dialoge und Verhöre, um Lauern und Verfolgen. Der Biathlon-Sport bildet nur den Hintergrund für Ränkespiele, bei denen die Polizisten als arme Würstchen entlarvt werden und die Sportler als Versuchskaninchen, die vom Verband zum höheren Ruhm in die Loipe geschickt werden. Wie immer bei "Unter Verdacht" haben die Schauspieler ihre größten Momente, wenn sie unter dem künstlichen Licht im Verhörkeller die Masken fallen lassen oder eine Schmierenkomödie aufführen. Der Doping-Organisator Steiner schleppt sich sogar mit letzter Kraft in eine Sauna, um belastende Akten in dem kleinen Glutofen zu verbrennen. Andererseits gibt es in "Laufen und schießen" den erstaunlichen Fall, dass ein Polizist nicht an seine gefährdete Rente denkt: "Frau Prohacek, um die Rente mache ich mir gerade weniger Sorgen - aber wenn Sie meine Seele retten könnten?" Das jedoch ist eine Leistung, mit der auch Dr. Eva Maria Prohacek nicht dienen kann.

Unter Verdacht ZDF, heute, 20.15 Uhr.