Puppentheater

Wenn Gaddafi und Berlusconi sich im Sexclub treffen

Auftritt: Der Diktator als Popstar. Ein Wink seiner Hand genügt und der DJ stoppt die Musik. In Positur, beginnt der hölzerne Gaddafi-Doppelgänger seine Tyrannen-Tirade, flankiert von zwei Leibwächterinnen im Lara-Croft-Look.

"Mit Sicherheit wissen Sie, was in den letzten Wochen passiert..." Verraten fühlt sich der Führer: "Weil ich zu Unrecht natürlich..." Ohne Unterlass klappt des Machthabers Mund auf und zu. Er bellt, belehrt, bramarbasiert, bis er nur noch lallt. Ein wirrer Irrer und hochgradig der Realität entfremdet.

Der selbsternannte "King of the Kings" ist in der Inszenierung von Ivana Sajeviç eine kniehohe Figur aus Holz, Gips und Leder, mit Riesenkopf, einem aufgeblähten Körper und kinderkurzen Ärmchen und Beinchen. Belebt wird das kleine Monstrum von seinen zwei Leibwächterinnen, den Puppenspielerinnen Anna Menzel und Annemie Twardawa. Für ihren Staatschef posieren sie mit Knarren, kriechen wie Kätzchen über die Teppiche im Bühnenzelt, und wischen ihm - in einer auf die Zeltbahnen projizierten Videosequenz aus dem Klo - den Hintern ab. Den lässt er sich dann von seinem Spezi Berlusconi (Nils Zapfe) versohlen. Eitel Sonnenschein im Sexclub, bis sich Silvio weigert, Muammar Unterschlupf zu gewähren. "The international pressure...", druckst Berlusconi, und da würgt ihn der wütende Alleinherrscher. Zur Beruhigung begutachtet Gaddafi das Sortiment der "international business people", vulgo Waffenhändler.

Mit Puppen, erzählt Regisseurin Ivana Sajeviç, ließen sich die Widersprüche einer Diktatorenfigur, das Lächerliche und Tragische, überdeutlich zeigen - die Machtgelüste, das Inszenierungsbedürfnis, die infantilen Gefühlsumschwünge. Gänzlich vertraut die Truppe ihrer überzeugend gespielten Puppe nicht. Sie stürzen den Diktator in ablenkende Action und Klamauk: Kampftraining im Tierpark, eine wilde Verfolgungsjagd mit einer Gruppe entflohener Schweizer, die Gaddafi wie Singvögel in einem Käfig hielt.

Den Überraschungseffekt mindert die aktuelle Entwicklung in Libyen, die Gaddafis bizarre öffentliche Auftritte und die Zitate aus seinem Pamphlet "Das Grüne Buch" zum Allgemeingut machte. Zugleich sichert sie eine erhöhte Aufmerksamkeit - auch für das Freischwimmer-Festival, das in zehn Tagen sieben Nachwuchsproduktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz uraufführt. Bei der Konzeption von "King of the Kings" im vergangenen Herbst war der Bürgerkrieg in Libyen noch fern. Ivana Sajeviç trug die Idee für ein Stück über die "Polit-Pop-Ikone" Gaddafi schon Jahre mit sich herum. Ihr bosnischer Familienhintergrund sensibilisierte die 32-Jährige für die verdrehte Psyche von Gewaltherrschern. Zu Probenbeginn im Januar stand die Szenenfolge, nur die befreiende Revolution am Ende ließ das Ensemble weg. Improvisationsfreudig lassen sie aktuelle Anspielungen einfließen, mit einem Rap unterm Regenschirm verabschiedet sich der Diktator: "Ich komme wieder".

Freischwimmer Festival in den Sophiensaelen. Bis 19. März. Tel. 302 835 266.