Buchvorstellung

Aufbau Verlag feiert die Neuauflage von Falladas letztem Roman

"Einzigartiger Vorgang", "denkwürdiger Abend", "sensationeller Fund" - kein Superlativ scheint den Protagonisten zu viel für diese Buchpremiere. Und in der Tat handelt es sich um eine jener wunderbaren wundersamen Geschichten, die der Literaturbetrieb manchmal schreibt: 64 Jahre nach dem ersten Erscheinen wird die Neuausgabe von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" gefeiert.

"Unser jüngster Erfolgsautor", wie der verlegerische Geschäftsführer des Aufbau Verlags, René Strien, ihn nennt.

Ein Kamerateam der BBC ist gekommen, ebenso wie Buchpreisträgerin Julia Franck und Falladas 70-jähriger Sohn Achim Ditzen. Als "veritable Leser" begrüßt Strien das Publikum im ausverkauften Gorki Theater, ein eher älteres Publikum, bürgerlich-belesen, vermutlich nicht wenige aus der früheren DDR, wo Fallada eine vergleichsweise größere Rezeption erfuhr. Die Bewunderer des Volksschriftstellers sind ebenso da wie jene, die sich eher für den Trinker und Außenseiter Fallada interessieren. Und ihren Fallada haben sie gelesen: Kleinere Fehler des nicht ganz faktenfesten Moderators Hajo Steinert registrieren sie sofort; korrigieren ihn auch mal vielstimmig, wenn er den Wohnort des Autors von Feldberg nach Freiberg verlegt.

Ein später Bestseller

Zunächst erzählt Steinert die späte Erfolgsgeschichte des Romans, der im vergangenen Jahr zu einem internationalen Bestseller avancierte - erst in England und den USA, in der Folge in vielen weiteren Ländern von den Niederlanden bis Israel. 300 000 Exemplare wurden alleine in England verkauft, wo das Buch inzwischen auch in Supermärkten und an Tankstellen liegt.

Der Roman erzählt die so rührende wie todesmutige Rebellion eines Arbeiterehepaars gegen Hitler, nachdem ihr einziger Sohn an der Front gefallen ist. Zwei Jahre lang legen Otto und Anna Quangel handgeschriebene Aufrufe gegen das NS-Regime in Hausfluren ab, bis sie erwischt und zum Tode verurteilt werden. Fallada schrieb diesen letzten Roman im Oktober 1946 anhand eines authentischen Falls, in einem für ihn typischen Schreibrausch: 700 Druckseiten in 24 Tagen, anschließend kam er mit einem Nervenzusammenbruch in die Charité.

Auf der Bühne erzählt der englische Verleger Adam Freudenheim von den Gründen des späten Erfolgs: von einem nicht nachlassenden Interesse der Briten am Zweiten Weltkrieg und ihrem "Appetit, die Geschichte differenzierter zu sehen". Freudenheim tat ein Übriges, um das Buch durchzusetzen: Mit dem Brandenburger Tor auf dem Cover und dem Titel "Alone in Berlin" zollte er dem Hippness-Faktor der deutschen Hauptstadt Tribut.

Eine Neuverfilmung ist geplant

Nach dieser Ehrenrunde um den Rest der Welt ist das Buch nun auch wieder in Deutschland gelandet, wo es erstmals in der ungekürzten Originalausgabe erscheint. Nach dem Erfolg im Ausland habe man sich noch mal der "Textgrundlage vergewissern" wollen, erzählt Aufbau-Mann Strien - und im Archiv ein fehlendes Kapitel entdeckt: "Kein neues, aber ein mehr als beiläufig anderes Buch" sei so entstanden. Dieses Kapitel trägt die Schauspielerin Regine Zimmermann vor, die gemeinsam mit Jan Josef Liefers zwischen den Talkrunden aus dem Roman liest, einen Bogen von seinem Anfang bis zum Ende spannt. Es ist ein Vortrag, der die "erzählerische Intelligenz" Falladas zur Geltung kommen lässt, das Berührende und Atemberaubende des Romans wie in einem Lichtkegel präsentiert.

Nach rund zwei Stunden ist der Abend vorbei - der Erfolg des Buchs ist es nicht: Eine Neuverfilmung ist gerade in Arbeit, im September kommt die Theaterfassung auf die Bühne des Gorki. Nicht weit von dem Theater liegt die Charité, in die Fallada nach Fertigstellung des Romans eingeliefert wurde. Zwei Monate später starb er an Herzversagen. Es ist ein merkwürdiger Bogen, der sich von damals bis zur Buchpremiere des heutigen Abends spannt. Und ein bisschen ist es so, als würde der letzte Satz des Romans in seinem späten Erfolg sich bestätigen: "Denn was man gesät hat, soll man auch ernten, und der Junge hatte gutes Korn gesät."