Tobias Wolff: Unsere Geschichte beginnt.

Die Irrläufer des Lebens

"Natürlich haben alle Worte eine Bedeutung." Diesen Satz sagt die Kunstgeschichtsdozentin Landsman entschuldigend zu ihrer Studentin Theresa. In der Raucherecke sind die beiden ins Gespräch gekommen, die Professorin, einschüchternd-elegant, scharfzüngig, mit "einem harschen Akzent von irgendwoher", und ihre nicht mehr junge Hörerin Theresa, die nach zwanzig Jahren Militärdienst nun Hotelmanagement studiert und nebenbei ihrer Neigung zur Kunst nachgeht.

Small Talk also - über die Gewohnheit der Veteranin etwa, keine verräterischen Spuren wie Zigarettenkippen zu hinterlassen. Überhaupt wolle sie aufhören zu rauchen. "Wie feige! Sie, ein Marine, der das Feld räumt." Ein unbedachtes Wort, ein Witz, ein Tritt ins Fettnäpfchen, für den sich die sonst so präzise Dozentin gleich entschuldigt, denn "natürlich haben alle Worte eine Bedeutung". Plötzlich wird das Pausengespräch zu einem Schlagabtausch über Mut und Rückgrat, Verrat und Fahnenflucht. Denn Professor Landsman stammt aus Prag, als junge Frau machte sie die Staatssicherheit zur Denunziantin. Jetzt offenbart sie sich Theresa, von der sie annimmt, dass sie weiß, wie viel Kraft der Mut erfordert.

Kleine Abweichungen, große Folgen

"Eine erwachsene Studentin" ist eine typische Kurzgeschichte von Tobias Wolff, der unter den großen amerikanischen Erzählern der Gegenwart vielleicht der unbekannteste ist: Meisterhaft, wie in einer Alltagssituation plötzlich ein winziger Spalt aufreißt und dahinter der Abgrund eines Lebensdramas klafft. So wie kein Wort einfach nur dahin gesprochen ist, so findet sich auch bei Wolff kein zufälliges Detail. Es sind die kleinen Abweichungen von der Routine, deren Folgen gewaltig sind, zuweilen tödlich. In "Jäger im Schnee" etwa eine falsch genommene Abzweigung auf dem Weg ins weit entfernte Krankenhaus, mit dem schwer verletzten Kumpel auf der Ladefläche des Pick-ups. Doch die Abweichungen kommen selbst nicht von ungefähr. Schon der Jagdunfall, bei dem der Freund verletzt wurde, war keiner. Und die Leichtfertigkeit der Fahrt mit dem Verblutenden tatsächlich ein unausgesprochener Racheakt.

Solche halbversehentlichen Irrläufe lassen Situationen entstehen, in denen die üblichen Sicherungen des Bewusstseins nicht mehr greifen und der feste Halt über den Untiefen der eigenen Seelenlandschaft verloren geht. Wie bei dem amerikanischen Geschäftsmann in Rom, der einen Taschendieb reflexhaft niederschlägt, dann aber mit dem als "Zigeuner" beschimpften Mann Mitleid bekommt. Er lässt ihn im Taxi nach Hause fahren, lernt seine Familie kennen und gibt sich in der Armensiedlung am Stadtrand dem ganz Fremden hin. Diese Flucht vor den Zumutungen des Yuppie-Lebens, vor all der Daueranspannung und Selbstkontrolle endet dann damit, dass er seine Brieftasche doch noch loswird. Aber die subtile Erzählkunst Wolffs zeigt sich daran, wie selbst diese Pointe noch einmal gebrochen wird, indem plötzlich eine scheinbare Nebenfigur, der Taxifahrer, in den Fokus rückt.

Wolff, Jahrgang 1945, wurde vor allem durch seine autobiografischen Bücher bekannt, seinen Kindheitserinnerungen "This Boy's Life" - 1993 verfilmt mit Leonardo DiCaprio, Robert De Niro und Ellen Barkin - und seinem Vietnamkriegs-Memoir "In der Armee des Pharaos". Sein Internatsroman "Alte Schule" (2003) gewann ihm auch in Deutschland viele Leser. Doch für Wolff, der noch an der Seite seines Freundes Raymond Carver Kreatives Schreiben unterrichtete, war die Short Story immer schon eine erstrangige Ausdrucksform. Die Originalausgabe "Our Story Begins" versammelt neben zehn neuen Geschichten gut zwanzig seiner Klassiker aus den 80er- und 90er-Jahren. In der deutschen Ausgabe wurden vier bislang unübersetzte Geschichten aus den frühen 80ern mit den neuen Stories zusammengestellt.

Wolffs Frühwerk lebt noch stärker von der Dramatik des Plots, so in der zynischen "Jäger"-Geschichte. Der Umgang mit Tod und Trauer ist aber schon hier zentral. Etwa in "Der Lügner", wo die Mutter an ihrem notorisch die Unwahrheit sagenden Sohn verzweifelt. Auf vertrackte Weise wird dessen Verhalten als eine Art von Trauerarbeit für den früh verstorbenen Vater deutlich, als eine Verschiebung psychischer Energien auf einen Nebenkriegsschauplatz. Manchmal kommt hier die Erfahrungsseelenkunde noch holzhammerhaft daher.

Psychoanalytische Klischees

In den neuen Stories dagegen verachten sich die Figuren mitunter selbst als psychoanalytisches Klischee: In "Bis auf die Knochen" gerät ein Vater in Versuchung, mit der Frau vom Bestattungsinstitut eine Affäre zu beginnen, während seine Mutter im Sterben liegt: "Freud! Warum musste er jetzt an den denken? Er sah den Wiener Klugscheißer vor sich, wie er sich den Bart in hochnäsigem Durchschauen der Rolle, die er hier gerade spielte, strich - nämlich, sich Eros hinzugeben, um die Angst vor Thanatos zu vertreiben." Geläutert kehrt der Mann ans Bett seiner entdämmernden Mutter zurück, die verzweifelt nach ihrem "Daddy" ruft: "Er wusste nicht mehr, was ein Sohn tun würde, aber was ein Vater tun würde, wusste er noch."

Hier besteht keinerlei Notwendigkeit für formale Experimente. Wolff ist in erzählerischer Hinsicht Traditionalist; alles Spielerische oder Artistische würde nur ablenken. Seine personale Perspektive hält Wolff auch dann konsequent durch, wenn das Gespräch zweier Personen bereits die ganze Handlung ist. Allenfalls wird ein Gegenüber erfunden, um der Einsamkeit des Monologs zu entfliehen: In "Ihr Hund" führt der Witwer John den geliebten Hund seiner Frau aus und wetteifert in erdachten Dialogen mit dem Tier posthum um die Stärke der Gefühle für die Verstorbene.

Der große Harold Brodkey hatte seine Sammlung einst "Stories in an Almost Classical Mode" betitelt; hier kam es in der Tat auf das "fast" an, denn Harold Brodkey wagte ja in Wahrheit so einiges. Wolff aber könnte seine Geschichten frei von Ironie so nennen. Der berühmte, entscheidende Short-Story-Moment, der alles im Leben ändert - das kann auch der Augenblick sein, in dem man ein Buch aufschlägt. Denn die Geschichten von Tobias Wolff sind immer auch "unsere".