Film

David Lynchs Sohn bastelt deutsches Roadmovie

Umsonst hatten am Donnerstag die Besucher des HBC Clubs im ehemaligen Haus Ungarn am Alexanderplatz darauf gehofft, bei der Vorstellung des "Interview Projects Germany presented by David Lynch" den Meister persönlich zu sehen. Der US-Regisseur zog es vor, nur lakonisch knapp per Videobotschaft zu grüßen und brachte Berlin damit um die Chance eines ähnlich bizarren Auftritts wie bei seinem letzten Besuch 2007, als er verkündete, den Teufelsberg zu kaufen, um darauf eine Esoterik-Universität zu errichten.

Hauptdarsteller der Präsentation war stattdessen sein Sohn Austin, der seinem Vater aber zumindest, was die Kürze der Antworten angeht, in nichts nachsteht. Gemeinsam mit dem Fotografen Jason S. stellte er das gemeinsame Dokumentarfilm-Projekt vor, das seit gestern kostenlos im Internet zu sehen ist.

Sie importieren damit ein Konzept, das sie bereits vor zwei Jahren erfolgreich in den USA realisiert hatten, als sie 70 Tage lang kreuz und quer durch Amerika gefahren sind, um ganz gewöhnliche Menschen über ihr Leben zu befragen. Das "Interview Project" bestand am Ende aus 121 Kurzfilmen, die nach und nach im Internet veröffentlicht wurden und so eine Landkarte wahrer Geschichten entstand. Die nun entstandene deutsche Version haben sie der Größe des Landes etwas angepasst. Vier Wochen lang sind seit Oktober durchs Land gefahren und haben dabei 50 Interviews gefilmt, von denen im Laufe des nächsten halben Jahres pro Woche zwei auf der Website ( www.interviewproject.de ) erscheinen sollen. Anspruch auf Ausgewogenheit haben sie laut Austin Lynch nicht. "Wir hane uns auf Zufallsbegegnungen eingelassen."

Einblicke in stinknormales Leben

Und Jason S. attestiert: "Den Weg haben wir per Münzwurf entschieden und die Interviewten danach, wer uns ins Auge gefallen ist." Vor Ort, ob im Supermarkt, an der Haustür oder im Garten erzählen Menschen aus Ost und West von Kindheit, Lebensträumen und Schicksalsschlägen. Genau diese Konzentration aufs Persönliche macht den Reiz dieser Filme aus, die damit Einblicke bieten in ein "stinknormales Leben", wie es die 57-jährige Luci aus Mecklenburg in der ersten Folge nennt. Geführt hat die Gespräche Judith Keil, die schon in ihrem Dokumentarfilm "Der Glanz von Berlin" Gespür für das scheinbar Gewöhnliche bewies. Anfangs sei sie skeptisch gewesen, ob das "so ganz ohne Planung und Vorrecherche" möglich ist, erkannte aber dann "die Magie, die in dieser Idee steckt." Die gestern gezeigten Ausschnitte lassen erahnen, dass sich hier ein deutsches Roadmovie ausbreiten wird, das mit seiner seriellen Struktur der kurzen Clips wie geschaffen ist fürs Netz. Auf einer Landkarte kann der User die Route verfolgen und an den einzelnen Stationen den Geschichten der Bewohner lauschen. Durch Untertitel soll auch der weltweiten Internetgemeinde "ein Gefühl für Deutschland in dieser Zeit" vermittelt werden. Wie beim Original 2009 "präsentiert" sein Vater zwar das Projekt und stellt jede Folge kurz vor, aber viel mehr als seinen Namen gibt David Lynch dafür nicht her. Durchaus charmant verschroben sind dafür die Intros, wenn er in seinem Bastelstudio sitzend mit Akzent deutsche Städte wie Kassel ankündigt.