Thomas Harlan: Veit

Ein Sohn schämt sich für seinen Vater

Als Thomas Harlan am 16. Oktober 2010 starb, hatte er sein letztes Buch beendet, ein Buch über seinen Vater - eine Wutrede, eine Anklage, eine Streitschrift, eine Abrechnung. Das Buch ist nach ihm benannt: "Veit". Der Vater konnte es nicht mehr lesen, denn er ist seit 1964 tot, gestorben auf Capri, in einer alten Villa auf einem Hügel über dem Meer.

Aber Thomas Harlan hat seinen Text wie einen Brief angelegt, so als könnte der Vater doch noch antworten und eine andere Antwort geben als an den letzten drei Tagen, als Thomas, der älteste Sohn, an seinem Bett saß, und er sagte: ,,Mein Sohn, es kann sein, dass ich dich verstehe, auch in deinen Kämpfen gegen mich." Das Buch ,,Veit" handelt davon, dass Thomas Harlan das nicht glaubte.

Veit Harlan war der berühmteste deutsche Filmregisseur der Nazi-Jahre. Detlef Sierck, Robert Siodmak und andere waren emigriert, doch der ehemalige Schauspieler drehte einen Kassenschlager nach dem anderen, Melodramen voll Kitsch und Schicksalsglauben. Dr. Goebbels schätzte das Pathos Harlans und beauftragte ihn 1939 mit der Bearbeitung des ,,Jud Süß"-Stoffes, der vage auf das Leben des Joseph Süßkind Oppenheimer rekurrierte, der 1738 in Stuttgart hingerichtet wurde. In Lublin fanden die Dreharbeiten statt, die jüdische Gemeinde durfte Komparsen stellen, nach kaum vier Monaten war der Film fertig und wurde bei den Filmfestspielen von Venedig aufgeführt. Harlans Frau Kristina Söderbaum spielte die geschändete Dorothea, die ins Wasser geht, Ferdinand Marian chargierte als Oppenheimer, ferner spielten die berühmten Mimen Heinrich George und Werner Krauss mit. ,,Ein ganz großer, genialer Wurf", schrieb Goebbels in sein Tagebuch. ,,Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber." Heinrich Himmler bestimmte, dass ,,Jud Süß" allen SS-Einheiten gezeigt wurde.

Nach dem Krieg wohnte Veit Harlan in einer Villa an der Hamburger Alster, gemeinsam mit Kristina Söderbaum und einem Stockholmer Reifenfabrikanten. Eine Weile schreinerte er Möbel, solange sein Fall untersucht wurde. Es gab zwei Prozesse, Harlan wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen - doch er wurde freigesprochen. Wäre er verurteilt worden, sagte er später, hätte er sich das Leben genommen. Thomas Harlan hatte Deutschland bereits verlassen und lebte in Paris. Als er von dem Urteil hörte, war er erleichtert.

Und doch konnte Thomas dem Vater nicht verzeihen. Er verzieh ihm nicht, dass er mit ,,Jud Süß" ganze Arbeit leistete und nicht bereute, dass er instrumentalisiert worden war. Er verzieh ihm nicht, dass er behauptete, ihm sei der Film von Goebbels aufgezwungen worden - obwohl er seiner Frau die Hauptrolle gab. Er verzieh ihm nicht, dass er seine erste Frau Dora, eine Jüdin, nicht vor den Henkern gerettet hatte. Er verzieh ihm nicht, dass mit ,,Jud Süß" ganze Arbeit leistete. Er verzieh ihm nicht, dass er weiterhin Filme drehte - für einen schrieb Thomas sogar 1954 das Drehbuch, ein vergeblicher Versuch, sich mit dem Übermächtigen zu versöhnen.

Der Furor von Thomas Harlans Anklage mag maßlos erscheinen - ihr sprachlicher Gestus ist durchdrungen von hilfloser Verzweiflung, bitterem Spott und dem Bewusstsein der Ausweglosigkeit. ,,Das ist nichts, gemessen an der Not, die Du zu verwalten hast, gemessen an dem auch, was Du anrichten musstest, auf Befehl, sagst Du, Deines Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, der Dich in Ruhe Deine Blutspur ziehen ließ, mordbeladen glücklich, der Du nicht nach Auschwitz kamst, der Du nirgends hinkamst außer in die Wonne Deiner Filme, in den Genuss des Segens Deiner Zuchtherren."

Einmal ließ Thomas Harlan sein Theaterstück "Ich selbst und kein Engel" über den Aufstand im Warschauer Ghetto in Berlin inszenieren, als der vorgesehene polnische Regisseur sich mit dem Ensemble überworfen hatte und das Land verließ. Veit Harlan prahlte mit dieser Arbeit. Thomas schreibt: ,,Der Sohn tilgte mit seinem Stück und dem Vater, den er es inszenieren ließ, die Schuld von ,Jud Süß'."

Thomas Harlans Philippika ist von großer Zärtlichkeit, wenn er sich an die Bühnenauftritte seines Freundes Klaus Kinski in München erinnert, an den Philosophen Michel Tournier, sogar an die kurze Episode mit Thomas Mann in Paris, als er an einem Tag für den nach Europa zurückgekehrten Schriftsteller den Mundschenk gab und kein Wort mit ihm wechselte. Es ist dennoch eine unerbittliche, apodiktische Schrift, geschrieben mit dem Zorn eines todkranken 80-jährigen Mannes, der sein Leben lang mit dem Gespenst seines Vaters rang, obwohl er wusste, das er nicht siegen konnte.