Geitels Geschichten

Der sechste Komponist

Immer wieder haben sich Freunde zu Künstlergruppen zusammengeschlossen. Mal fanden sich junge Architekturstudenten in Dresden zusammen und nannten sich "Die Brücke", so 1905 geschehen, in Frankreich nannten sich ein gutes Jahrzehnt später sechs Musiker "Les Six".

Aber schon diese komponierenden "Sechs" kamen nicht ohne den Siebten aus. Der schrieb zwar keine Musik, war aber dennoch unüberhörbar. Er hieß Jean Cocteau und riss sich als Wortführer das bald wieder auseinanderstrebende Konglomerat unter den Nagel. Milhaud, Honegger und Poulenc gehörten ihm immerhin an. Madame Tailleferre war eher eine Mitläuferin, Louis Durey wohl ein Irrläufer. Der sechste im Bunde war Georges Auric, Jahrgang 1899. Er wurde so etwas wie Cocteaus Hauskomponist.

Lange bevor ich ihn als Hausherrn der Pariser Opéra kennen lernte, war er mir schon als Komponist der Filme Cocteaus vertraut, die gleich nach dem Krieg nach Deutschland hereinströmten und bei den gewitzteren der jungen Überlebenden sofort zu zünden verstanden.

Auric hatte sich im Schatten der "Ballets Russes" unter Diaghilew die ersten musikalischen Sporen verdient. Serge Lifar, das alt gewordene Prunkstück unter den russischen Tänzern Frankreichs, führte 1963 in Berlin Aurics "Phädra" vor. Es mussten noch ein paar Jahre vergehen, bis ich persönlich auf Georges Auric stieß. Das geschah ausgerechnet in Bukarest beim alle drei Jahre veranstalteten Georges-Enescu-Festival. Auric pfiff vernehmlich auf alle Bedeutung, die man ihm beizumessen versuchte. Nur seine Frau pfiff nicht mit, sie wollte sich nach altem Brauch in Aurics Gloriole sonnen. Doch die spendierte mit Absicht nur das gerade notwendige Licht. Seine Bescheidenheit machte Auric liebenswürdig und umgänglich.

Natürlich freute er sich, in mir einen Bewunderer seiner alten Filmmusiken zu treffen, namentlich der zu Cocteaus Romeo-und-Julia-Version "L'éternel retour" und natürlich zu "La belle et la bête" und "L'Aigle à deux têtes". Sie erschienen mir wie filmische Dichtungen für Musik, von Auric mit frischer Romantik betreut.

Später lernte ich auch Aurics Ballettmusiken kennen, am zauberhaftesten wohl die witzige für "Les Fâcheux", von Bronislava, Nijinskys Schwester, bewunderungswürdig choreographisch in Szene gesetzt. Sie war es auch, die Strawinskys "Les Noces" erstmalig auf die Bühne zwang.

An einem der vier vorgeschriebenen Klaviere saß Georges Auric im Orchestergraben. Freundschaftlichkeit und Förderung, die man als junger Mann empfängt, schickt es sich auch, sobald wie möglich zurückzuzahlen. Auric war damals gerade mal 24 Jahre alt.

Ehrenvoll ist er 1983 gestorben, aber die Erinnerung an ihn und sein Werk ist weitgehend verraucht. Nicht jeder komponiert halt für die Ewigkeit: Auric stand mit seiner Muse immer parat, wenn man sie brauchte. Er hat sich nicht rar gemacht, aber er hat sich auch nirgends angebiedert. Er stand mit seiner Musik nie im Mittelpunkt des Jahrhunderts, aber er war ihm ein einfühlsamer, schöpferischer Musiker. Einen wie ihn kann ein Jahrhundert immer gebrauchen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern