Festival für Neue Musik

Der Komponist von heute liebt wieder schöne Klänge

Kurz bevor selbst Zeitungen aus München ihm kulturelle Betrachtungen gewidmet haben, war der Berliner Großclub "Berghain" ein Zentrum der besonders wüsten Inszenierung von Underground. Danach wurde er einfach nur eine sehr geräumige Disko, die in keinem Reiseführer fehlen durfte.

Und nun kommt die strenge Hochkultur: Heute und morgen findet dort "Lux Aeterna" statt, ein neues Festival für Neue und experimentelle Musik. Das Beinahe-Pop-Ensemble "Kammerflimmer" wird Krach machen, der Londoner Vindicatrix wird irren Dubstep spielen, ein Pianist spielt John Cage und Dietmar Dath hält einen Vortrag.

Das ist schon einmal ungewöhnlich vielfältig. Der Neuen Musik haftet üblicherweise etwas Albernes an - niemand hört sie, niemand liebt sie und ohne staatliche Subventionen wäre sie morgen tot. Tatsächlich ist dieses neue Berliner Festival aber fantastisch besetzt und eine Veranstaltung auf allerhöchstem Niveau. Anders als MaerzMusik oder Ultraschall lässt das Programm auch Popnahes zu. Es beweist sogar ein wenig Humor, wenn etwa Dath, der zurzeit oberste Zuständige für Kritik, darüber redet, warum der Mensch "schon tot" ist. Auch diese Veranstaltung muss aber verdrängen, dass sie in einer extrem kleinen Nische stattfindet. Zentrale moderne Komponisten - im Berghain-Programm hört man das etwa bei dem Stockhausen-Schüler Claude Vivier - hatten das Verstehen ihrer Hörer nicht gerade als erstes im Sinn.

Dieses Festival will ganz offensichtlich mit der Publikumsferne brechen. Immerhin, sein Name "Lux Aeterna" geht auf Györgi Ligetis gleichnamigen Choral zurück, der in der Szene als Provokation wahrgenommen wurde - religiös, eingängig und sehr schön, das waren einmal regelrechte Tabus. "Der Großteil der Musik, die wir spielen, ist wirklich schön. Das ist irgendwie so passiert", sagt Ekkehard Ehlers. Der Musiker, der viel für Theater und Tanz komponiert, aber auch schon mit den Red Hot Chili Peppers gearbeitet hat, hat "Lux Aeterna" erfunden, weil er mit der Lage der progressiven Musik unzufrieden war. "Mein Vorwurf ist schon, dass die Neue Musik mit der zirkulären Sozialsituation zufrieden ist, mit dem Nischendasein ohne Außenwirkung."

Ehlers hat seinem Festival deswegen ein Thema gesetzt: "Die Transzendenz der Musik". Zahlreiche Stücke beschäftigen sich mit dem Tod und mit fantastischen oder fantasierten Zuständen zwischen Leben und etwas anderem. "Musik kann einen sehr starken Bezug zum Jenseits vermitteln, anders als andere Künste", sagt Ehlers. Er steckt dann schon mitten in dem Problem dieser Kunstform: Wenn sie das explizit tun will, braucht sie eine andere Kunstform, den Text. Formen wie das Requiem und der Choral sind deswegen vertreten.

So wird großartige Musik zu hören sein, die man sonst kaum live bekommt, und das lässt vergessen, wie sehr das Thema ein alter Hut der avantgardistischen Kulturdebatte ist. Der Radiomann und Feuilletonist Joachim Ernst Behrendt hatte sein Hörwerk und Buch "Hinübergehen" diesem Thema gewidmet, den Spätwerken großer Komponisten und ihrer religiös-transzendenten Anmutung, und hatte das damals durch die zwanghafte Zusammenschau schon ein wenig auf den Hund gebracht. Und an dem Anspruch, Neue Musik ans Volk zu bringen, sind ja schon viele gescheitert, zuletzt der Dirigent Ingo Metzmacher.

Wenigstens macht "Lux Aeterna" das so frisch wie noch nie, die Webseite zur Veranstaltung ist ein Katalog der aufregendsten modernen Tonkunst mit etlichen Hörbeispielen und Videos. Man sieht dort auch, wie das eine oder andere junge Ensemble sich sinister schminkt und böse dreinblickt. Das macht Hoffnung auf Bewegung in der Szene und passt auch wieder ins Berghain.

Das Festival Lux Aeterna, Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Tel. 29 36 02 10. Heute und morgen, 16 Uhr.

"Die Musik, die wir spielen, ist wirklich schön. Das ist irgendwie so passiert"

Ekkehard Ehlers, Gründer des Festivals