Festival

Gefangen unter Kopfhörern

In der U-Bahn-Station Wittenbergplatz zwischen Gleis 2 und Gleis 3 wird diese Woche dreimal am Tag die Welt angehalten. Dann stehen 20 Menschen schweigend nebeneinander mit dem Rücken zur Wand, vor sich tragen sie Schilder mit fremdländischen Namen wie Ishan, Ali oder Homeyra.

Auf dem Kopf haben sie große weiße Kopfhörer. Menschen hasten vorbei, starren. Bis sich aus der Menge einzelne lösen, die wirklich Ishan, Ali oder Homeyra heißen und auf ihr zur Schau gestelltes Alter Ego zugehen. Paarweise verstreuen wir uns in alle Richtungen.

Homeyra geht schnell, wir reden nicht. Die Welt bleibt draußen, dafür sorgen die Kopfhörer, über die eine Stimme spricht, die nicht Homeyras ist, die aber eine Geschichte erzählt, die Homeyras sein könnte. Von Flucht und Integration, von Familie und dem Dasein zwischen allen Stühlen. Homeyra kennt als einzige von uns beiden den Weg, aber wohin die ganz große gemeinsame Reise geht, weiß auch sie nicht.

Das konnten auch damals vor drei Jahren die Initiatoren des ersten "Beyond Belonging"-Festivals im Hebbel am Ufer nicht ahnen. Inzwischen ist die Veranstaltungsreihe, die den sperrigen Begriff "postmigrantische Kultur" mit Leben füllt, etabliert, erstmals ist das Ballhaus Naunynstraße Mitveranstalter. Homeyra und die anderen hat zu diesem Anlass der niederländische Regisseur Dries Verhoeven unter dem Titel "Niemandsland" als Fremden-Führer verpflichtet. Auch Autor Tim Staffel und Regisseur Nurkan Erpulat geht es um Wahrnehmungen, einen Guide aber benötigen sie nicht, ganz im Gegenteil: "Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht" heißt ihr Stück. Und wo Dries Verhoeven zurückhaltend ist, wo er Geschichten und Haltungen nur anbietet, wählen Staffel und Erpulat die Behauptung: "Es ist ordentlich was los im Wrangelkiez!" Dort lebt die fünfköpfige Familie Sahin mit ihren aus der Bahn laufenden Identitäten. Parallel zur Wandlung ihres Kiezes, "Gentrifizierung" ist das Schlagwort, verändert sich auch ihr Familiengefüge, Vater Mahmut landet im Knast, Sohn Hakan verkauft seinen Körper an Männer, sein Bruder Mesut macht aus Vaters Café einen Sushi-Laden und Tochter Feride trägt draußen längst kein Kopftuch mehr, nur Mutter Günay hält stoisch an ihrem Lächeln fest, mit zusammengebissenen Zähnen: "Ich bleibe nicht. Ich bin da."

Regisseur Erpulat hat wenige Probleme mit Klischees, er überzeichnet in alle Richtungen, richtig gut funktioniert das nur dort, wo die Grundhaltung der totalen Ironie mit Ruhe angegangen wird. Wenn sich die Sahins zum Beispiel inmitten des rundum drehbaren Bühnenschaukastens zum Familienidyll aufstellen und gemeinsam deutsches Volksliedgut intonieren.

Und während sie noch inbrünstig "Kein schöner Land" skandieren, hat Homeyra schon zum dritten Mal an diesem Tag einen stummen Menschen mit großen weißen Kopfhörern hinter sich, den sie wieder in die Nähe des Gleisdreiecks zu dem großen Sandfeld mit den Strandhäuschen führt. Als die Tür wieder aufgeht, sind Homeyra und die anderen fort, lautlos von der Stadt verschluckt. Manche der Geführten hinterlassen im Gästebuch ihrem Guide ihre Telefonnummer. Plötzlich ist es sehr schwer auszuhalten, dass man sich kaum kennt.

Festival "Beyond Belonging" Karten im HAU u.a. für "Niemandsland" und "Man braucht keinen Reiseführer..." unter Tel. 25 90 04 27, für das Ballhaus Naunynstraße unter Tel. 34 74 58 999.

Es ist eine Geschichte über Flucht und Integration, über Familie und dem Dasein zwischen allen Stühlen