Film

"Hier wohnen die Ängste"

Den mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu kennt man von Filmen wie "Babel" oder "21 Gramm". In seinem neuen Film "Biutiful" schickt Iñárritu Javier Bardem, Oscar-Preisträger und Ehemann von Penélope Cruz, quer durch die Hölle.

Für seine schauspielerische Leistung in "Biutiful" erhielt er die Goldene Palme bei den Filmfestspielen 2010 in Cannes. Peter Beddis sprach mit dem frischgebackenen Herrn Papa.

Berliner Morgenpost: Auch wenn Sie sicher nicht darauf brennen, darüber zu reden. Aber der Anstand gebietet es zu gratulieren: Herzlichen Glückwunsch zum Kind!

Javier Bardem: Vielen Dank, ich fühle mich momentan so gut wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Auf der einen Seite würde ich meine Freude gern überall herausbrüllen. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass ich mich damit zurückhalten sollte. Insofern lautet meine Antwort dieser Tage immer: "Vielen Dank für die Glückwünsche. Aber ich mag nicht darüber reden!".

Berliner Morgenpost: Also: Schon das Anschauen von "Biutiful" war alles andere als leicht. Wie ist es Ihnen beim Drehen ergangen?

Javier Bardem: Diese Frage stelle ich mir nie, wenn ich einen Film drehe. Ich wurde zum Beispiel auch bei einem meiner letzten Filme "Eat, Pray, Love" gefragt, was ich denn bitte als ernsthafter Schauspieler in diesem "Frauenfilm" mache. Mit solchen Begriffen kann ich nichts anfangen.

Berliner Morgenpost: Dann nehmen Sie uns ein Stück mit in die Bardem-Welt. Warum entscheiden Sie sich für einen Film wie "Biutiful"?

Javier Bardem: Da gibt es natürlich diesen einen Grund, der Alejandro Gonzáles Iñárritu heißt. Ich bin mit dem Kerl mittlerweile befreundet. Wenn dieser Regisseur zu einem seiner Wahnsinnstrips einlädt, dann weiß ich, dass es um etwas geht.

Berliner Morgenpost: Bei "Biutiful" tragen Sie allein die Wucht des Moments, in dem Ihnen klar wird, dass Sie nicht mehr lange zu leben haben.

Javier Bardem: Eben, das ist einer jener Momente, an denen ich die Zuschauer an die Hand nehmen und ihnen zeigen kann: "Schaut meine Lieben, hier wohnen die Ängste. Hier sind sie daheim. Und hier fühlen sie sich so wohl, weil ihr nicht dahin kommt." Man bekommt manchmal die Frage gestellt, warum Schauspieler so viel Geld bekommen.

Berliner Morgenpost: Macht Sie die Frage wütend?

Javier Bardem: Nein, ich kann sie in gewisser Weise verstehen. Aber wenn sie mir gestellt wird, dann erwarte ich auch, dass man mir zuhört, wenn ich antworte. Wenn ich nämlich beginne zu erzählen, auf welche Reisen sich meine Filmfigur Uxbal macht und in welchem hässlichen, wenn auch sehr realistischen Barcelona sie zu Hause ist, dann kommt schnell die abwehrende Handbewegung: "Ja danke, habe verstanden. Können wir bitte wieder zum gemütlichen Teil übergehen?" Aber darauf habe ich dann manchmal keine Lust mehr. Sie haben mich vorhin gefragt, ob ich mich bei einem Film wie "Biutiful" quäle: Ja, das tue ich und so, wie ich meinen Beruf verstehe, muss ich das auch. Denn einen Film wie diesen kann man nur dann glaubhaft vermitteln, wenn es weh tut.

Berliner Morgenpost: Sie sind seit ungefähr 20 Jahren im Geschäft. Denken Sie manchmal mit etwas Wehmut an die Zeit, als Sie noch unbeschwert über diesen Beruf dachten?

Javier Bardem: Wer macht das nicht? Wenn man 17 ist und sich unsterblich fühlt! Wenn man denkt, dass die ganze Welt nach einem Rhythmus tanzt. Und dieser Rhythmus ist der eigene. Ein herrliches Gefühl. Aber die Wehmut ist wirklich nur ganz klein. Denn ich weiß, welch schöne Sachen danach gekommen sind. Keine Ahnung, was später noch kommen wird. Nach der 50 oder der 60. Wird es schwerer oder noch leichter? Keine Ahnung. Und es ist verdammt noch mal gut, dass man es nicht weiß. Sonst könnte man diese wunderbare Leichtigkeit mit 17 überhaupt nicht genießen.

Berliner Morgenpost: Mit 17 ist man normalerweise das erste Mal verliebt. Und es wird einem das Herz gebrochen.

Javier Bardem: Stimmt. Und auch das - aber das kann nur einer sagen, der die 17 schon ein wenig hinter sich hat - sollte man genießen.

Berliner Morgenpost: Wenn Schauspieler gut sind, dann sagt man gern, dass sie Teile von sich mit in den Film hineinbringen.

Javier Bardem: Stimmt und stimmt nicht so ganz. Kein Schauspieler, der ganz bei Trost ist, wird Ihnen sagen, welcher Part von ihm ist und welcher nicht. Man muss sich auch als Zuschauer immer ein bisschen was hinzudenken können. Wenn das nicht so wäre, dann würde ich für alle Zeiten in der Erinnerung des Kinopublikums im Bett liegen und sterben.

Berliner Morgenpost: Woher Sie die Traurigkeit holen, mit der Uxbal durch diesen Film geht und einen Nackenschlag nach dem nächsten bekommt?

Javier Bardem: (mit geheimnisvoller Stimme) Es gibt da diesen Brunnen, einen Seelenbrunnen, den man nur früh um fünf Uhr anzapfen kann! Nein, völliger Quatsch! Ich verstehe Ihre Frage. Aber ich kann sie beim besten Willen nicht beantworten. Ein Stück Kinomagie muss bleiben. Ich versetze mich in diesen Menschen, in seinen Schmerz irgendwie hinein. Alles andere wäre ungesund und würde mich auch kaputt machen.

Berliner Morgenpost: Ich muss Ihnen etwas gestehen: Ich fand Sie großartig in "Biutiful". Aber der Film lag mir zu schwer im Magen.

Javier Bardem: OK. Wann und wo haben Sie ihn gesehen?

Berliner Morgenpost: Im letzten Mai bei den Filmfestspielen von Cannes, früh am Morgen 8 Uhr 30 in der ersten Vorführung des Tages.

Javier Bardem: Und womöglich noch nicht mal mit einem ordentlichen Frühstück im Magen? Das geht nicht! Es gibt Filme, die darf man sich nicht am Morgen oder am Tag anschauen. Ich weiß, was "Biutiful" mit dem Zuschauer anstellt. Das ist kein Wohlfühlfilm. Erst schön was essen gehen und dann sich diesem Trip aussetzen.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie sich nach den Dreharbeiten von "Biutiful" wieder erholt?

Javier Bardem: Zum einen wieder ordentlich gegessen. Denn um diesen todkranken Mann zu spielen, mussten ein paar Kilo runter. Aber, ob Sie es glauben oder nicht, mir hat die Arbeit geholfen. Zufällig begannen gleich nach "Biutiful" die Dreharbeiten zu "Eat, Pry, Love". Und das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich durfte die anderen Muskeln benutzen, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Tragik befinden. Ich durfte wieder an sonnenüberflutete Plätze denken.