Literatur

Was hat die Musikkonzerne bloß so ruiniert?

Meinen frühen Einstieg in die Musikwirtschaft verdankte ich einem eigenwilligen Gerechtigkeitsverständnis unserer Mutter: Ähnlich pragmatisch und ungerecht, wie man früher davon ausging, dass der Ältere den Hof übernimmt, hielt sie es in Sachen Studium: Während sie es meinem Bruder finanzierte, setzte sie voraus, dass ich in der Uni-Zeit bei ihr zu Hause im Hamburger Vorort bleiben und mich irgendwie redlich nähren würde.

Das war nicht mein Plan. Nach dem Abitur bezog ich zusammen mit einem Freund meine erste eigene Wohnung in der Innenstadt. Studieren konnte ich deshalb nur mit einer Vielzahl von Jobs als Autor für Stadt-, Tages- und Musikzeitungen, Radiomoderator, Videoregisseur und Datentypist. Ich hatte gut zu tun, meine Scheine in Germanistik machte derweil meine Freundin.

Bereits nach einem Semester kam die Einberufung. Spätestens nach dem Zivildienst war klar, dass die Mischung von Jobs und Studium kein Konzept von Dauer sein könnte. Mit einer aufwendigen Recherche suchte ich den direkten Einstieg in die Arbeitswelt. Das Objekt meiner zukünftigen Beobachtungen: die Musikindustrie. Seit der Erfindung von Hi-Fi auf Basis von Vinylite durch den CBSTechniker Doktor Peter Goldmark 1948 hatte diese sich unaufhörlich weiterentwickelt. Goldmarks Schallplatten mussten anders als ihre Vorgänger aus Schelllack nicht alle sieben Minuten umgedreht werden, waren nahezu bruchsicher und klangen vor allen Dingen viel besser. Stereo, Dolby und andere Verbesserungen der Klangwiedergabe heizten die Lust der Konsumenten an den Musikkonserven über die Jahre immer weiter an. Technologie- und Medienkonzerne wie Siemens, Philips, Telefunken, Warner Brothers, Universal und Bertelsmann waren in das boomende Geschäft mit den Schallplatten eingestiegen. Songsammlungen wurden als Langspielplatten (LP) mit bis zu 45 Minuten Spieldauer (alles darüber hinaus führte zu einer Reduktion der Klangqualität) zum Festpreis zwischen 12,80 und 21,00 DM verkauft, einzelne Titel als Single für 6,00 DM. Gemäß der Entwicklung der Kaufkraft in Deutschland zwischen 1980 und 2010 entspricht das ungefähr dem jeweiligen Betrag in Euro.

Eine Delle erfuhr das höchst profitable Geschäft mit dem Pop und der Klassik erst Ende der 1970er Jahre. Die boomenden Musikbewegungen Punk und New Wave fanden meist jenseits der Strukturen der großen Plattenfirmen bei damals noch unabhängigen Firmen wie Virgin, Island oder Rough Trade statt. Zusätzlich sorgte die in der Breite durchgesetzte Musikkassette dafür, dass Musik kopiert wurde und man sich endlich Songs nach eigenem Gusto zusammenstellen konnte. Das war für die Produzenten ein Problem, denn damit hatte sich erstmals die Langspielplatte als Bündelung verschiedener Songs, die zusammen konsumiert werden müssen, aufgelöst. Die Industrie schäumte: "Hometaping is killing Music" war auf vielen LPs zu lesen. Dort, wo ich meine Platten kaufte, gab es T-Shirts zu erwerben, die mit "Homefucking is killing Prostitution" antworteten.

Mein Timing für den Einstieg in die Musikindustrie im August 1986 war ziemlich gut. Es gab bei dem rührigen Plattenlabel Polydor zwar keine Skandale um betrogene Bands oder bestochene Medienpartner aufzudecken, was ich eigentlich vermutet hatte. Dafür zog aber der Markt dank der Compact Disc ordentlich an. Für durchschnittlich den doppelten Preis wie zuvor (32,00 DM) verkaufte man dem Konsumenten noch einmal Aufnahmen, die er oft schon auf Vinyl besaß. Die enorme Marge machte die Verluste durch Privatkopien auf Musikkassetten locker wett. Obwohl die technische Laufzeit einer CD auf 78 Minuten optimiert war, blieb die angebotene Menge auf den Alben die gleiche: zehn bis zwölf Songs und eine Laufzeit von nicht mehr als 45 Minuten. (...)

Höhepunkt des Booms der Musikwirtschaft war das Jahr 1998. Danach übernahm ich den Chefsessel beim Marktführer Universal. Diesmal war es ein denkbar schlechtes Timing: Von nun an ging es für die Musikindustrie mit Wucht bergab. Die Branche halbierte sich: 1998 war der Umsatz durch den Verkauf von Tonträgern fast genau doppelt so hoch wie heute. Neue Geschäftsmodelle wie der erst 2004 konsequent begonnene Verkauf von Downloads konnten diesen Einbruch nicht kompensieren. Bis heute machen die verkauften Downloads (bereinigt um Klingeltöne) gerade mal 5 Prozent des Umsatzes der Plattenfirmen aus.

Den Unterschied zwischen den Umsätzen des Paradejahres 1998 und heute begründen die Plattenfirmen mit der sogenannten Internetpiraterie. Sie glauben, dass ihr gesamter Einnahmenverlust im Vergleich zu den goldenen Zeiten darin begründet liegt, dass seit elf Jahren mit Angeboten wie dem einstmals illegalen Napster der Austausch von Musik für jedermann im Internet möglich ist. Deshalb verlangen sie vom Gesetzgeber eine strenge Kontrolle der Netze und härtere Strafen im Falle des Missbrauchs. Die Mehrheit der Musikkonsumenten sieht das anders. Sie haben auch in der Vergangenheit schon Musik getauscht, nämlich auf Musikkassetten. Das Zusammenstellen von eigenen Compilations war in Form der Mixtapes früher schon ein Teil des Selbstverständnisses von Musikliebhabern. Für sie kam mit dem Internet also ein Freiheitsgewinn. Sie sind nicht mehr daran gebunden, alles zu nehmen, was ihnen von den Plattenfirmen als Album angeboten wird. (...) Hierin liegt der eigentliche Grund für die Umsatzeinbrüche begründet: Der Handel mit einzelnen Titeln kann den Umsatz mit ganzen Bündeln, wie sie die LPs dargestellt haben, kaum kompensieren.

Für die Musiker ist der Verlust eines geschlossenen Angebots in Form von Alben eine zweischneidige Sache. Als Newcomer profitieren sie davon. Ihre Verkaufschancen sind wie bei jedem Anfänger gering. Ihnen geht es im ersten Schritt eher um das Erreichen einer gewissen Bekanntheit als um den Verkauf von Alben. Hier hilft die Digitalisierung: Jeder Laptop leistet mit ein bisschen Software mehr als das, was vor 30 Jahren ein Tonstudio vollbringen konnte. Bezüglich des Vertriebs der Musik ist man anfänglich nicht mehr auf Plattenfirmen angewiesen. Auf Plattformen wie MySpace und Facebook lassen sich die ersten Fans sammeln, und dort kann man sie auch mit Informationen und neuen Titeln versorgen. Jeder hat also eine Chance. Profitierten in unserer Jugend noch wenige Bands wie Saal 2 und Die Zimmermänner davon, dass Veröffentlichungen bei unabhängigen Plattenfirmen ihnen eine Bekanntheit über Hamburg-Nord hinaus bescheren konnten, würde heute dank Internet und digitaler Produktion selbst meine Band, "Die Quälenden Geräusche", global vertrieben werden.

Auch die großen, erfolgreichen Künstler sind nicht unbedingt auf den Verkauf ganzer Alben aus. Ihre Haupteinnahmequelle ist mit Abstand das Live-Geschäft. Steigt dank einiger weniger Songs ihre Bekanntheit noch weiter, lohnt sich das durch eine wachsende Schar von Konzertbesuchern. Zudem stecken Bands und Musiker wie Fettes Brot, Xavier Naidoo oder Marius Müller-Westernhagen mittlerweile die Gewinne der Plattenfirmen selbst ein. Sie haben sich selbstständig gemacht. Das, was sie heutzutage weniger an Alben verkaufen, machen sie mit mehr Profit pro Song wett.

Schwierig wird die Tatsache, dass sich im Netz das Album in einzelne Songs auflöst, jedoch für alle Musiker, die das breite Mittelfeld der Musikszene darstellen. Wollen sie von ihrer Musik leben, sind sie frühzeitig auf Live-Einnahmen angewiesen. Der Live-Markt ist jedoch endlich. Keiner geht tagtäglich aus, und die Menge an Clubs, in denen man auftreten kann, schnellt auch nicht in die Höhe. Das Wachstum im Konzertgeschäft entstand in den vergangenen Jahren deshalb auch nicht durch mehr Besucher, sondern durch höhere Preise. Doch damit ist jetzt Schluss, denn auch dieser Markt wächst seit zwei Jahren nicht mehr.

Als ich 2004 Universal verlassen habe, war bereits klar, dass die Musikwirtschaft so nicht weitermachen konnte. Das Prinzip der Kontrolle des Werks durch den Produzenten funktioniert nicht mehr. Somit kollabiert aber auch ein Geschäftsmodell, das auf dem Verkauf von Alben beruht. Der Gesetzgeber wird sich nicht gegen seine Wähler wenden und im Netz, wie von den großen Plattenfirmen gefordert, die Freiheit des Nutzers maßgeblich einschränken. Die Musikindustrie versucht derweil, des Kontroll- und Umsatzverlusts Herr zu werden, indem sie die Künstler dazu anhält, sie an ihren Einnahmen aus dem Live- und Merchandise-Geschäft teilhaben zu lassen. Diese Rechnung geht jedoch nur so lange auf, wie die Künstler selbst nicht sehr erfolgreich sind. Bedeutet die Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma, dass diese auch dort mitverdient, wo sie nichts zur Karriere des Künstlers beiträgt, ist es für die Musiker attraktiv, sich ihrer zu entledigen und alles selbst zu machen.