Theater

Philosophische Endlosschleifen mit Sloterdijk

Zeit für eine Ein-Mann-Show! Lars Eidinger wuppt den Soloabend "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch", eine von drei Uraufführungen beim Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. an der Schaubühne. Im Fellkostüm schwitzend, wirft sich Eidinger auf den Rasen und speist wie der Gott Bacchus Trauben.

Peter Sloterdijk schwatzt dazu per Tonband über Gleichheit und das Projekt der Moderne - bis er über ein lateinisches Zitat stolpert. Erbarmungslos in Endlosschleife wiederholt, dient es Eidinger als Steilvorlage.

Auffordernd gestikuliert er dem Tonband zu: "Inter finitum et...?" - "Inf...infinitum non est proportio", setzt Sloterdijk mühsam fort, zwischen Endlichem und Unendlichem besteht kein Verhältnis. Eidinger winkt ein lehrerhaft-zustimmendes "na, geht doch". Dann quetscht er Traubenmatsch zwischen den Zähnen hervor, wackelt mit dem Kopf und stottert den Sloterdijk. Jede Wiederholung ein neuer Spieleinfall, beömmelt er sich gemeinsam mit dem Publikum über den deutschen Denker.

Das Virtuosenstück des argentinisch-spanischen Autors und Regisseurs Rodrigo García ist Eidinger auf den Leib geschneidert. Für lässigen Glamour sorgen zwei Plattenteller auf einem Bücherbord, Federzeichnungen von Goya und ein mit Silberplättchen beklebten Mercedes, der auf der Bühne rotiert und Lichtkaskaden auf die Betonwände sprenkelt. Die Handlung ist Nebensache: Der 35-jährige möchte seine Ersparnisse verbraten, um mit den beiden Söhnen nach Madrid zu fliegen, ins Prado-Museum einzubrechen und eine Nacht lang Goyas Bilder zu betrachten. Drogen und Whiskey inklusive - alles, was die 2000 ersparten Euro hergeben. Disneyland wäre den Jungs lieber, aber Vaddern legt Wert auf Bildung: Wenn auch alle Elektrogeräte im Haushalt versagen, die Bibliothek steht wie ne eins! Auf dem Mercedes-Rücksitz geht's lustig weiter mit den Sloterdijk-Sottisen. Grenzenloser Hedonismus, der tief in europäischer Bildung wurzelt - García, der schon mehrmals zu F.I.N.D. eingeladen war, gelingt ein unterhaltsames Generationenporträt.

Dem Kiezporträt "Regen in Neukölln", der zweiten Uraufführung des Abends, verpasst Hausregisseurin Friederike Heller einen Energieschub. Wie in Episodenfilmen à la "Short Cuts" driften die Figuren des Autors Paul Brodowky aneinander vorbei, um am Ende so zufällig wie erzählerisch ergiebig miteinander verbunden zu sein. Der Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) hält Hanife (Eva Meckbach) für eine "Bordsteinschwalbe", dabei übergibt sie ihrem Vater Ibrahim (Urs Jucker) das als Model verdiente Geld. Kalli will den gemütlichen Schnorrer Ibrahim umbringen und Hanife befreien. Großartig Stötzner, der Brodowskys spielerisch-sinnfreie Wortverdreher und Erfindungen wie "Intergratulation" unauffällig vernuschelt seinem Sprachstrom untermischt.

Das Club-Girl Ella (Luise Wolfram) bandelt mit dem Computer-Nerd Marten (Franz Hartwig) an, und der namenlose Scherenschleifer (Sebastian Nakajew) ficht eine Fehde mit Füchsen aus. Niels Bormann als Fuchs tänzelt barfuß auf die Bühne, mit Anzug und Schirm ein Neuköllner Pan Tau. Zwischen den Trash-Gestalten gibt er den "hochzivilisierten Stadtfuchs", deckt stilvoll ein und entkorkt eine Sektflasche. Am Ende wird Ella von Kalli überfahren, der Ibrahim leben ließ. Es regnet in Neukölln, und die Reste einer exzessiven Kotzszene Urs Juckers vermischen sich mit Litern von Wasser, die die Schauspieler einander über den Kopf kippen. Ein amüsanter Kiezreigen, und ein Abend, der Lust macht auf mehr. Bis kommenden Sonntag ist Gelegenheit, unterschiedlichste Theaterästhetiken aus aller Welt zu entdecken bei der disparaten Zehn-Tage-Show F.I.N.D.

Schaubühne am Lehniner Platz , Kurfürstendamm 153, Tel. 89 0023. Vorstellungen: "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch": 24.-26.3., 27.4., jeweils 20 Uhr. "Regen in Neukölln", 28.-29.4., jeweils 20.30 Uhr.