Krimi

Ein öffentlicher Mord: 38 Nachbarn und alle schauen nur zu

Amelie Heinrichsdorff

Eine Frau wird ermordet, morgens in einem Innenhof in New York. Ihre Nachbarn gucken zu. Katrina Marinos Blutspur ist zu sehen, ihre Stichwunden sind noch frisch. Als Leser ahnt man, der Killer ist nicht zu stoppen, man möchte Alarm schlagen.

Doch die Zeugen der Tat tun nichts, nicht einmal die Polizei rufen sie. Der Mörder vergewaltigt schließlich den fast leblosen Körper der Kellnerin.

Der Debüt-Roman von Ryan David Jahn "Ein Akt der Gewalt" basiert auf der wahren Geschichte von Kitty Genovese, die 1964 vor ihrer Wohnung erstochen wurde. Damals sahen 38 Personen den Mord tatenlos mit an. Jahn erzählt aus der Perspektive fiktiver Zeugen. Sein Amerika der 60er-Jahre hat nichts Tröstliches. Der Vietnamkrieg schwelt, Rassismus und Korruption bestimmen den Alltag der Bewohner eines New Yorker Apartmenthauses. Hier wohnen nur Verlierer, Menschen ohne Chance auf sozialen Aufstieg und privates Glück, Ehebrecher einsame Seelen und Psychopathen. Sie sind todkrank oder wollen sich umbringen. Beinahe hat man Mitleid mit ihnen - doch dann gucken sie weg, als ihre Nachbarin verblutet.

Das ist aber nicht der einzige "Akt der Gewalt", nur einer von vielen. Franks Haus wurde angezündet, Thomas will sich umbringen, Harriette wird sterben, Patrick muss nach Vietnam, und Dianes Ehe ist am Ende. "Ein Akt der Gewalt" nennt sich zwar Thriller, ist aber nur streckenweise spannend. Jahn liefert eine triste Milieustudie, die unter der hölzernen Übersetzung leidet. Einen Detektiv als Identifikationsfigur gibt Jahn dem Leser nicht an die Hand. Der würde die kaputte Gesellschaft sowieso nicht retten können.

Ryan David Jahn : Ein Akt der Gewalt, Heyne, 269 Seiten, 19,99 Euro