Elisabeth Herrmann: Zeugin der Toten

Agenten, Sex und keimende Liebe

| Lesedauer: 4 Minuten
Cora Stephan

"Kai starrte immer noch auf die weißen Punkte in der Mitte der Matratze. Sie hatten aufgehört sich zu bewegen, seit Judith sie mit dem Larvizid besprüht hatte. 'Maden. Mit ein bisschen Liebe betrachtet, sind es auch nur Lebewesen. Zumindest waren sie es.'" Sagt Judith Kepler, die, im Unterschied zu Azubi Kai, kühl bis auf die Knochen ist.

Das muss man in ihrem Beruf auch sein: "Wow, Maden. Leichen. Totengräber. Nennt mich Held." Denn sie arbeitet als Cleaner. Sie ist diejenige, die aufräumt, wenn Gerichtsmediziner, Spurensicherung, Kripo und Bestatter die Wohnung wieder verlassen haben. Sie beseitigt die Blutspuren nach Gewaltverbrechen. Sie ist Cleaner, seit sie clean ist. Vielleicht kann sie deshalb fast nichts erschüttern? Judith Kepler ist niemand, den man gleich umarmen will, dafür ist sie viel zu spröde. Doch kann man sich eine bessere Ermittlerin vorstellen? In der Wohnung von Christina Borg liest sie aus den Blutspuren die Geschichte eines brutalen Mordes und eines qualvollen Todes. Doch da sind noch andere, nur für sie leicht zu entziffernde Zeichen. Die millimetergenau nebeneinandergestellten Hausschuhe. Das Blatt für Blatt säuberlich abgerissene und Kante auf Kante gelegte Klopapier. Die Ordnung im Kleiderschrank. Und schließlich der Briefumschlag. Absender: Kinder- und -Erziehungsheim Juri Gagarin, Straße der Jugend 14, Sassnitz 2355. Und schon wird Judith Kepler von einer Vergangenheit überfallen, der sie seit Jahren zu entfliehen versucht. In der Erinnerung ist sie wieder das verlassene Kind, das man wie ein Kleiderbündel an einem Ort des Terrors abgeladen hatte, damals im Jahre 1985. Im Kinderkollektiv für schwer erziehbare Kinder asozialer Eltern. In der DDR, auf Rügen.

"Zeugin der Toten" ist Elisabeth Herrmanns vierter Kriminalroman und, ohne den anderen Unrecht tun zu wollen, ihr bislang bester. Denn hier hat sie alles gebündelt, was ihren Romanen Substanz und Leuchten verleiht. Die Figuren leben, der Leser ist nah an ihrer Seite, die Welt, in der sie sich bewegen, ist fast mit Händen zu greifen. Alles ist bis ins kleinste Detail stimmig, nicht nur, weil hier eine Journalistin am Werk war, die recherchiert hat. Und das hat sie: in Sassnitz und Malmö, bei Experten für Nachrichtendienste und Modellbahnbau. Doch zu einer gelungenen Geschichte gehört mehr als ein paar historische Fundstücke wie - eine Entdeckung! - Lenins Salonwagen. "Zeugin der Toten" hat Resonanz, Gefühl und historische Tiefe. Elisabeth Herrmann benutzt ihre Figuren nicht, sondern widmet auch den miesesten Typen eine fast liebevolle Aufmerksamkeit. Wo etwa Henning Mankell Brutalität und Grausamkeit überreizt, um seine pädagogische Botschaft den Menschen in Herz und Hirn zu hämmern, wird hier keine der Figuren einer Botschaft geopfert.

Das ist es, was Kriminalromane zum "Spiegelbild der Gesellschaft" macht, nicht die pädagogisch-moralische Absicht, über das Böse in uns und in anderen und seine strukturellen Ursachen Auskunft zu geben. Die Liebe zu ihren Gestalten und zu den Details ist Elisabeth Herrmanns Markenzeichen. Hier sind unsere Geschichte, der Kalte Krieg, die DDR so greifbar wie bei John Le Carré in seinen besten Momenten: als Herausforderung an die Charakterstärke des Einzelnen.

Es geht im Roman um die brutalen Erziehungsmethoden in der DDR, um Wendehälse, um Spionage. Um die Rosenholzdateien und investigativen Journalismus, um die internationale Gemeinschaft der Agenten und Agentinnen, um Sex und keimende Liebe. Doch selbst im actionreichen Finale werden die Personen nicht zu Metaphern der Systeme. Ganz nebenbei gewinnen Leser Einblick in die Welt der anderen: die der DDR-Kindergärtnerin, die für den Westen spioniert. Die der kühlen Fernsehmoderatorin und des gescheiterten Ex-Agenten. Die des jungen Spezialisten vom BND und alternder Stasileute. Und in die der Modelleisenbahner von Sassnitz.

Elisabeth Herrmann : Zeugin der Toten. List, München. 432 Seiten, 19,99 .