Jakob Arjouni: Cherryman jagt Mr. White

Alles Gute, du weiser Mörder

| Lesedauer: 7 Minuten
Elmar Krekeler

Storlitz ist grässlich. Hingewürfelt in den Sand am Rand Berlins. Es gibt einen Supermarkt, eine Bratbude, und vor beiden rotten sich die Nazis zusammen, die alten und die jungen. Opfer von Globalisierung und Wiedervereinigung, jedenfalls halten sie sich dafür. Die Dorfjugend lebt von Schutzgelderpressung und hat es im Hirnwegsaufen zu gewisser Meisterschaft gebracht, mehr ist ja nicht zu tun.

Die Polizei lässt die Gewalt in den Wohnzimmern, in den Straßen explodieren, mischt sich nicht ein, weil's eh keinen Sinn hat. In Storlitz möchte niemand, der noch einigermaßen bei Verstand oder intakter guter Hoffnung auf eine Zukunft ist, halbtot überm Zaun hängen. Aufwachsen möchte man da schon gar nicht. Nur weglaufen. Möglichst schnell weglaufen. Und möglichst weit. Storlitz hat eigentlich nur einen Vorteil. Es existiert nicht. Storlitz gibt es nur in einem Buch. Es ist die Quersumme aller grässlichen Dörfer Brandenburgs, und der Ort, in dem für Jakob Arjounis neuen Roman "Cherryman jagt Mr. White", alles Übel seinen Ausgang nimmt.

Rick Fischer muss in Storlitz aufwachsen. Ein Waisenkind, seine Eltern sind bei einem Autounfall auf dem Weg in den Westen umgekommen. Seine Nenn-Tante Bambusch kümmert sich um ihn und er sich um sie. Die Hauptschule hat er hinter und keine Zukunft vor sich. Ein zarter, kluger Junge, einer, der sehr genau weiß, in welcher Welt der lebt, sich aber ungern gegen sie wehrt. Rick macht lieber Umwege, schlägt Haken um Konflikte. Aggression kehrt er nach innen, flüchtet sich in seine Fantasien. Die bringt er zu Papier. Rick zeichnet Comics, Cherryman ist sein Held, ein Kerl, der sich in Gefahrensituationen in einen Kirschbaum verwandelt und dann mit seinen Ästen Bösewichtern das Hirn raus quetschen kann. Die Zeichnungen therapieren die Wirklichkeit. Ohne Comics, wird er später schreiben, wäre er schon viel früher durchgedreht. Später dreht er wirklich durch, heftig und blutig. Rick Fischer rettet die Welt. Wenigstens ein bisschen.

Genau deswegen sitzt er im Gefängnis, als wir ihm begegnen. Was wir lesen in Jakob Arjounis sehr feinem Roman, sind seine Berichte an den Kriminalpsychologen Doktor Layton. Keine sehr neue, keine sehr aufregende Konstruktion. Aufregend aber ist, was Arjouni daraus macht. Die radikal ehrliche, an der Oberfläche einfache, aber mit vielen motivischen Unterströmungen versetzte Geschichte einer faustischen Katastrophe. Scheinbar vollkommen anstrengungslos erzählt, schlackenlos und spannend.

Arjouni liefert keine knallharte Psycho-Sozio-Studie aus einem brandenburgischen Brennpunkt, will er auch gar nicht. "Cherryman jagt Mr. White" ist der Roman eines Mitläufers, von ihm selbst erstellt.

Doktor Layton soll erfahren, wie Rick Fischer aus Storlitz in Brandenburg zum Massakerman von Berlin werden konnte, zum fünffachen Mörder. Rick redet sich nicht raus in seinen Berichten. Er weiß, dass er schuldig ist. Er will, was er getan hat, auch nicht psychologisiert wissen. Er ist kein Opfer der Umstände, keine Opfer seiner Herkunft. Jeglichen Determinismus lehnt er ab. Die Bilder des Gemetzels, das er am Ende angerichtet hat, verfolgen ihn. Und wir folgen in eine Geschichte, deren Wände für Rick immer enger zusammenrücken, so eng, dass es eines Gewaltaktes bedurfte, um nicht zwischen ihnen zermahlen zu werden. Jedenfalls aus der Sicht von Massakerman. Und eine andere haben wir eben nicht.

Ein giftiger Wurm im Apfel

Es fängt alles ganz harmlos an. Mario, Vladimir und die anderen alten Schulkameraden, für die Rick, der wehrlose Fantast, ein dankbares Opfer ist, dessen Kirschbaum sie zerstört und dessen Katze sie zerschlagen haben, Ricks Peiniger also haben auf einmal eine Lehrstelle für ihn. Sie, sagen sie, würden lieber weitersaufen, für sie sei das nichts. Aber der Rick, der wollte doch immer Gärtner werden. Jetzt könnte er das endlich. Und noch dazu in Berlin. Dass ein giftiger Wurm im Apfel steckt, den ihm seine feindlichen Freunde hinhalten, ahnt Rick gleich. Wieder wehrt er sich nicht, wieder lässt er sich fallen. Diesmal aber erst einmal ins Glück. Rick kriegt die Stelle, er verliebt sich, er freundet sich mit dem Ninu an, einem knapp dreijährigen Knirps im Kindergarten neben dem Park, den er pflegen soll. Er träumt von Familie, von einem Moment, in dem alles gut wird, weil alles an seinem richtigen Ort ist. Und er vergisst fast, dass er für sein Glück seine Seele an Mr. White verkaufen musste.

Mr. White heißt eigentlich Pascal. Ein schleimiger, weißhäutiger Junge, ein axolotlhaftes menschliches Wesen, das ein ziemlich hohes Ekelpotential entfaltet. Ein kleines Gegengeschäft unterbreitet Pascal mit dem Jobangebot in der großen Stadt. Rick soll für den Heimatschutz, eine große, in Brandenburg wegen mildtätiger Jugendarbeit überaus geschätzte Neonazibande, während der Arbeit im Wilmersdorfer Park den Kindergarten ausspähen, das ist nämlich ein jüdischer.

Arjouni führt in Ricks kunstvoll einfach erzählten Berichten eindrucksvoll vor, in welchem Klima des Wegsehens Ricks tragische Verstrickung sich vollzieht, wie zwanghaft sich Rick durch Feigheit, Sehnsucht nach Nähe und Familie und durch Selbstbetrug in eine immer aussichtslosere Lage manövriert, wie simpel, aber wirkungsvoll Naziorganisationen ihre Netze bauen, wie schwer es - einmal verstrickt - ist, aus ihnen zu fliehen, und wie schnell die Grenze zur Gewalt erreicht, wie leicht sie überschritten werden kann.

Der Heimatschutz forscht Rick aus. Je glücklicher er wird, mit Marylin aus Fürstenwalde und mit dem Ninu, desto erpressbarer wird er auch. Er bekommt eine Tasche hingestellt. In der soll Agitationsmaterial sein, eine Flugblattaktion. Rick soll sie in den Kindergarten bringen. Tatsächlich ist in der Tasche eine Bombe. Rick hätte mit ihr hochgehen sollen. Er lässt sie in einem Geräteschuppen explodieren, dann greift er für einen verzweifelten Befreiungsakt zur Kettensäge. Der Rest ist Blutbad.

Und Zwickmühle. Für uns. Als wir vor den fünf zermetzelten Leichen stehen, stehen wir auch vor den Ruinen unserer Moral, die so gern sauber Schuld benennt, es hier aber nicht richtig kann. So elegant, so effektiv hat uns Arjouni eingelullt in Cherrymans Kopf, dass wir dem weisen Waisenknaben mit den blutigen Händen tatsächlich alles Gute wünschen. Und selbst den Kopf über uns schütteln. Ein leichtes, leises Buch ist "Cherryman jagt Mr. White", es hallt noch länger nach.

Jakob Arjouni : Cherryman jagt Mr. White. Diogenes, Zürich. 167 Seiten, 19,90 .