Autobiografie

Werner Schroeters Memoiren: Skurriles über einen Toten

| Lesedauer: 3 Minuten
Thomas Abeltshauser

Rosa von Praunheim macht gleich zu Beginn seinem Ruf alle Ehre. Der Aufbau Verlag hatte Mittwochabend zur Buch-Premiere der Autobiographie des vor einem Jahr verstorbenen Regisseurs Werner Schroeter in die Deutsche Kinemathek geladen.

Und als dessen Freund und Ex-Liebhaber das Podium betritt, tut er das ganz in Schwarz gehüllt. Von Praunheim stellt sich mit dem Rücken zum Publikum und wirft sich ein weißes Sakko über, das mit einem Jugendporträt der beiden Männer bedruckt ist. Ein Kichern geht durch den gut besuchten Saal.

Von Selbstinszenierung verstand auch Schroeter viel, der nach der Krebsdiagnose 2006 nicht nur der Ko-Autorin seine Erinnerungen ins Aufnahmegerät diktierte für "Tage im Dämmer, Nächte im Rausch" (Aufbau Verlag, 22,95 Euro), sondern sich auch von seiner langjährigen Kamerafrau Elfi Mikesch in einem Dokumentarfilm verewigen ließ, "Mondo Lux", der gerade auf der Berlinale Premiere hatte und zum ersten Todestag Anfang April regulär ins Kino kommt. Lenssen hat für das Buch rund 50 Stunden mit dem todkranken Filmemacher gesprochen. Die Treffen hätten stets spontan auf Handyzuruf in Cafés stattgefunden, zwischen zahlreichen Projekten, in die er sich bis zuletzt voller Arbeitseifer gestürzt hat. Die so entstandenen 400 Seiten seien deshalb ein Fragment, bis Mitte der 90er Jahre sehr detailliert, für die Zeit danach aber sei vieles unvollständig.

Über weite Strecken ist der Abend getragen vom Willen der Anwesenden, den verkannten Exzentriker als großen Filmkünstler zu würdigen, was ehrenwert ist, aber dem Buch nur zum Teil gerecht wird. Schroeter erweist sich als amüsant-ironischer Plauderer, viele Kapitel, vor allem über die wilden frühen Jahre, sind sehr komisch, bisweilen flapsig. Auch wenn Elfi Mikesch sagt, sie erkenne ihn in jedem Satz des Buches wieder, muss man nicht alles glauben, was er erzählt. Als Lenssen eine Passage vorliest, in der Schroeter sich an eine Begegnung mit seiner "geistigen Mutter" Maria Callas erinnert, bei der er der Operndiva am Ohr gezogen und gesagt haben will: "Sie sind so schön, ich kann nicht glauben, dass Sie nicht geliftet sind", bezweifelt Praunheim süffisant, dass das so stattgefunden hat. Auch an anderen Stellen nimmt es Schroeter mit der Wahrheit nicht so genau, etwa bei einem blutigen Eifersuchtsdrama mit einer seiner weiblichen Musen. Da schmückt er Momente aus und überhöht sie nicht nur in der Kunst, sondern auch im Leben.

Es ist Praunheims Rolle, die Gesprächsrunde aufzumischen. Immer wenn es droht, zu salbungsvoll zu werden, holt er Schroeter mit einer saftigen Anekdote auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn von seinem tiefen Verständnis für die Oper die Rede ist, wirft Praunheim ein, dass er auch missratene Inszenierungen toll. Bis 1980 seien Schroeters Filme komisch, danach sei er leider so seriös geworden, dafür habe er ihn auch öffentlich angegriffen und "Champagner-Schroeter" genannt. Als Lenssen sagt, er habe sich mit seinem Kunstfilmen dem klassischen Erzählkino verweigert, wirft von Praunheim ein: "Weil wir es gar nicht können!" Sie hätten zuviel Fantasie und würden dauernd abschweifen. Damit fordert er Elfi Mikesch zum Widerspruch heraus. Gerade als damit ein bisschen Schwung ins Podium kommt, ist auch schon wieder Schluss. Und im Foyer warten Wein, Wasser und Brot.