Geitels Geschichten

Komponist im Selbstverbot

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Er hat wie kein anderer die "Ästhetik des Widerstands" musikalisch ausformuliert, hat sie dann aber vorsätzlich nicht aufklingen lassen. Karl Amadeus Hartmann zog sich während des Nazi-Regimes ins Schweigen zurück. Er ließ es nicht zu, dass eines seiner Werke in einer Öffentlichkeit gespielt würde, der doch alles Erdenkliche zu hören verboten war.

Hartmann verbot sich selbst. Eine einzigartige Handlung, die sich am Ende fast als selbstmörderisch erwies. Sie stürzte Hartmanns Werk annähernd ins Vergessen, aus dem es neuerdings, zumindest partiell, die Schallplattenaufnahmen von Ingo Metzmacher mit den Bamberger Symphonikern endlich wieder herausrissen.

In den deutschen Konzertsälen allerdings machen sich die zahlreichen Sinfonien Hartmanns schändlicherweise immer noch rar. Dabei hatte ihr Komponist immerhin vorexerziert, wie sich gefeierte Interpreten wie Furtwängler oder von Karajan zur Nazi-Zeit hätten verhalten sollen. Sie allerdings pfiffen auf Hartmanns Vorbild. Ich lernte den schier einzigartigen Mann erst Mitte der fünfziger Jahre kennen. Hartmann starb 1963, mit nur 58 Jahren.

Bis dahin hatte er sich dann doch einen Namen gemacht. Wenn auch nicht gerade als Komponist, sondern als Begründer der im Herbst 1946 ins Leben gerufenen "musica viva"-Konzerte in München. Sie zu besuchen, zu bewundern, zu diskutieren wurde unerbittlich Pflicht, wie wenige Jahre später die genussreiche Versorgung mit dem denkbar feinsten Pausen-Imbiss im Kellerrestaurant der Münchener Staatsoper. Hartmann machte das herausfordernde Programm seiner "Musica viva" auf unwiderstehlichen Plakaten bekannt. Jedes von ihnen ein Sammlerstück, von der Hand eines der bedeutenden Malers des Jahrhunderts entworfen. Die signierten Originale hingen, aufs Feinste gerahmt, in seiner Wohnung. Man durchschritt sie, staunend und hingerissen, wie eine Galerie der Moderne. Das Peinliche nur: Ich hatte bis dahin noch keinen einzigen Ton von Hartmanns Musik gehört.

Hartmanns Wohnung wurde zum bevorzugten Treff der Kollegen. Sie alle kamen, um in den "musica viva" - Konzerten aufgeführt zu werden. Die verbürgten so etwas wie den ersten Schritt zur Berühmtheit. Hartmann war die personifizierte Hilfsbereitschaft. Dabei klang seine eigene Musik doch ziemlich weltabgewandt, melancholisch düster, tragisch eingenebelt.

Hartmann war schon 35, als er sich entschloss, ein zweites Mal in die musikalische Lehre zu gehen. Er war auf der Suche nach formalen Grenzen, die es ihm gestatten würden, den überquellenden Reichtum seiner tragischen Geständnismusik einzuigeln.

Er machte sich auf nach Wien und schrieb sich bei Anton Webern ein, immer darauf bedacht, dass seine Musik ausschließlich nach Hartmann klang und nicht nach Webern. Es war Hartmanns Pech, dass nach dem Krieg Weberns Musik und nicht etwa die seine mit ihren großangelegten, freiheitssüchtigen inneren Monologen zum Welterfolg aufstieg.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern