Konzert

Die Götter müssen verzückt sein

Bisher stand Kylie Minogue nicht im Verdacht, der Hybris verfallen zu sein. Doch nun, nach 24 Jahren ununterbrochener Präsenz im Popgeschäft, geht sie mal so richtig aus sich heraus. Für ihr jüngstes Projekt hat sie eine klassische Frauenrolle übernommen. Nicht irgendeine, sondern die der griechischen Liebesgöttin Aphrodite.

Das ist ganz schön hoch gegriffen. Wenn man Kylie dann aber in der Eröffnungssequenz sieht, wie sie auf einem goldenen Thron erscheint und sich von Tempeldienern hofieren lässt, weiß man in der O2 World sofort, dass den Worten auch Taten folgen. "Die Reaktion auf mein Album 'Aphrodite' hat mich und mein Team inspiriert, eine Show zu entwickeln, die uns auf eine Reise voller Freude, Aufregung und Glamour mitnimmt", hat die Sängerin im Vorfeld der Tournee erklärt. Für diese Reise hat sie tief in die Tasche gegriffen. Kostenpunkt, allein für das Bühnenbild: 18 Millionen Euro.

Camp, Kitsch und bunter Zauber

Sie ist schon ein Phänomen, diese Australierin. Eine echte Überlebenskünstlerin im stürmischen Gestade des sich ständig verändernden Pop. Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Mit einer Rolle in der TV-Serie "Neighbours" machte sie erstmals von sich reden. Parallel dazu landete Kylie 1987 ihren ersten Hit als Sängerin. "I Should Be So Lucky" stammte aus der Feder von Stock, Aitken und Waterman. Deren Hit-Schmiede war voll auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet, nicht auf künstlerischen Anspruch. Doch Kylie meinte es ernst mit dem Singen. Sie wollte sich durchbeißen, was man schon daran merkte, dass sie in den Neunzigern ständig damit beschäftigt war, für sich ein passendes erwachsenes Image zu kreieren.

Die Musik wurde zusehends tiefgängiger. Nach einer Beziehung mit ihrem Kollegen Michael Hutchence entwickelte sich das ehemalige Mädchen von nebenan zu einer Frau mit Reizen. Eine Weile sah es so aus, als könnte sie in Richtung Rock tendieren. "Where The Wild Roses Grow", ein Duett mit Nick Cave, brachte ihr bei Kritikern erstmals Respekt ein. Im Jahr 2000 erlebte das Publikum dann zum ersten Mal die Kylie, die wir heute kennen. Mit dem Album "Light Years" und der "On A Night Like This"-Tour, die auch in Berlin Station machte, präsentierte sie sich als Disco-Queen inmitten von Camp, Kitsch und buntem Zauber. Wenig später folgte mit dem Welthit "Can't Get You Out Of My Head" der endgültige Durchbruch. Seitdem überzeugt der Star immer wieder mit raffiniert gestricktem, konzeptionell durchdachtem Dance-Pop, in dem viel mehr Persönlichkeit steckt als bei allen derzeitigen Castingshow-Kandidaten.

Nun also geht es in die Antike. Kylie verlässt den Thron und veranstaltet mit 20 Tänzern und zwei Begleitsängerinnen ein buntes Lustspiel. Nach ihrem ersten Abgang erscheint sie im Hochzeitskleid auf einer riesigen Pferdestatue und haucht dazu "I Believe In You". In solcher Camp-Ästhetik geht es drunter und drüber, mischen sich Impressionen aus dem brasilianischen Karneval unter das altgriechische Ensemble. Einmal wird die 42-Jährige auf einem Streitwagen über die Bühne gefahren. Höhepunkt der Übertreibung: Kylies Flug auf dem Rücken eines Engels.

Viel natürlicher als Madonna

Es sind unglaubliche Bilder, die da in der nicht ausverkauften O2 World geboten werden. Kylie braucht die vielen Showelemente auch, denn mit ihrer Stimme allein kann sie über zwei Stunden nicht wirken. Lediglich vier Musiker begleiten sie, eine für eine so große Inszenierung erstaunlich spartanische Besetzung. Trotzdem erlebt man auch musikalische Momente mit Substanz. "Slow", komplett umarrangiert, ertönt als jazzige Late-Night-Nummer. Bei "Can't Get You Out Of My Head" wird es rockig. Auch einige Stücke aus dem "Aphrodite"-Album überzeugen, allen voran "Illusion" mit Achtziger-Soul-Touch.

Kylies großes Plus bei all dem ist die warmherzige, allürenfreie Ausstrahlung. Wo bei einer Madonna immer verkrampfte Ambitioniertheit und übertriebene Athletik im Vordergrund stehen, wirkt Kylie stets aus sich heraus. Ihren besten Auftritt hat sie mit wallender Mähne, Fellumhang und Hotpants. Auch das Finale ist spektakulär. Überall stoßen Wasserfontänen empor. Vorne posiert Kylie auf einem Springbrunnen, die Abschlusshymne dazu heißt "All The Lovers". Obwohl man danach wieder in die Kälte muss, ist einem noch lange warm ums Herz. Bei dieser göttlichen Konzertdarbietung kommen Frühlingsgefühle auf.