Interview mit Direktorin

"Der klassische Lesesaal ist überholt"

Über 4000 Besucher forschen täglich in den Beständen der Berliner Staatsbibliothek. Nun feiert Deutschlands größte wissenschaftliche Universalbibliothek ihre Gründung vor 350 Jahren. Das benachbarte Deutsche Historische Museum zeigt ab Freitag wertvolle Stücke aus den Tresoren der Bibliothek.

Präsentiert werden bis zum 19. Juni unter anderem das Gründungsschreiben des Großen Kurfürsten und eine 1455 fertiggestellte Gutenberg-Bibel. Von der wechselvollen Geschichte des Hauses kann auch Barbara Schneider-Kempf berichten. Seit 2004 ist die gebürtige Triererin und studierte Architektin Generaldirektorin der Staatsbibliothek. Im Interview mit Andrea Backhaus spricht die 56-Jährige über den Umgang mit Kriegsverlusten, Etikettenschwindel und die Bibliothek der Zukunft.

Berliner Morgenpost: Frau Schneider-Kempf, ist das Konzept einer Bibliothek nicht überholt?

Schneider-Kempf: In einer digitalen Welt reicht ein klassischer Lesesaal, wo man nur mit Büchern sitzt, sicher nicht mehr aus. Die Zukunft sehe ich in der Verbindung von physischen Materialien, also Handschriften oder Partituren, und elektronischen Angeboten. Dass man parallel zum Lesen in Datenbanken recherchiert, ist ja mittlerweile Standard.

Berliner Morgenpost: Wird man bei Ihnen bald auf iPads Bücher lesen können?

Schneider-Kempf: iPads und Kindle nutzen wir ja schon. Gerade machen wir ein paar Pilotversuche mit dem elektronischen Buch. Aber bei den rund 1000 Nachlässen, die wir hier betreuen, dauert es eben eine Weile, bis alles digitalisiert ist.

Berliner Morgenpost: Dann glauben Sie auch daran, dass immer weniger Menschen noch Bücher lesen?

Schneider-Kempf: Nein, überhaupt nicht. Die Leute interessieren sich gerade wegen der digitalen Angebote wieder mehr für das haptische, das sinnliche Original. Das Gefühl, ein Unikat vor sich zu haben, etwa die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, lässt sich nicht ersetzen.

Berliner Morgenpost: Die Staatsbibliothek feiert 350-jähriges Jubiläum. Was bedeutet das für Sie?

Schneider-Kempf: Dass wir bis heute bestehen, ist schon toll. Das zeigt ja auch, wie wichtig solche Einrichtungen für eine Gesellschaft sind. Stolz sind wir vor allem auf unsere Kulturschätze. Bei den Vorbereitungen zur Jubiläumsausstellung haben wir wieder gemerkt, was für besondere Stücke wir haben.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Schneider-Kempf: Wir haben die größte Mozart-Sammlung der Welt. Besonders sind auch die Musik-Autographen und die mittelalterlichen Handschriften. Und unsere Gutenberg-Bibel aus der Gründungszeit um 1660. Für mich ist das ein Symbol. Es zeigt, wo diese erst königliche, dann kurfürstliche Bibliothek hin wollte. Es ging darum, eine Kultur rund um das Lesen und Schreiben zu schaffen und zu bewahren.

Berliner Morgenpost: Die Resonanz darauf war schon zu Beginn enorm.

Schneider-Kempf: Ja, das waren gute Jahre. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte die Staatsbibliothek endgültig Weltgeltung.

Berliner Morgenpost: Mit der deutschen Teilung hat sich das aber für viele Jahre geändert.

Schneider-Kempf: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete einen gewaltigen Bruch. Es gab kein intaktes Haus mehr, die Bestände waren überall in Europa verstreut. Die Kataloge waren auseinandergerissen und oftmals von den Beständen getrennt. Für Bibliothekare ist das eine Katastrophe. Schließlich ist der Nachweis ist das Herz einer Bibliothek. Selbst der Große Kurfürst hat Nachweise katalogisieren lassen. Wenn man nicht weiß, was in der eigenen Bibliothek steht, ist das doch schrecklich. Dann fehlt das Elementare.

Berliner Morgenpost: Inwieweit haben Sie die Bestände rekonstruieren können?

Schneider-Kempf: Während des Kalten Krieges ging da gar nichts. Seit der deutschen Wiedervereinigung, und damit der Vereinigung der Bibliothek, sind wir dabei, die Bestände zusammenzuführen. Aber es ist ein mühsamer Prozess.

Berliner Morgenpost: Kritiker bemängeln, dass in vielen Einbänden noch immer steht: "Kriegsverlust möglich".

Schneider-Kempf: Ja, das ist ein wunder Punkt. Als ich hier anfing, habe ich mir vorgenommen, dass diese Vermerke verschwinden müssen. Aber das braucht Zeit.

Berliner Morgenpost: So auch der Umbau des Hauses Unter den Linden. Der sollte doch eigentlich schon zum Jubiläum, also in dieser Woche, abgeschlossen sein?

Schneider-Kempf: Umbau ist wohl untertrieben. Das ist eine riesige Baustelle. Wir bauen einen neuen Lesesaal und sanieren zugleich das gesamte Gebäude. Und wir bauen ein Museum, in dem die Geschichte der Bibliothek und ihre Schätze gezeigt werden. Den Lesesaal wollen wir im nächsten Frühjahr eröffnen. Der gesamte Bau soll 2015 fertig sein.

Berliner Morgenpost: Die Bausumme beläuft sich auf 365 Millionen Euro. Wird da Sinn und Zweck in Frage gestellt?

Schneider-Kempf: Nein, gar nicht. Ich habe tatsächlich mit Kritik gerechnet. Immerhin war das lange Zeit die größte Investition des Bundes. Jetzt ist es immer noch die größte Kulturbaustelle. Aber es gibt anscheinend eine hohe Akzeptanz in Gesellschaft und Politik. Vielleicht sind die Menschen stolz und betrachten unser Haus als Aushängeschild für Deutschland.

Berliner Morgenpost: Das zweite Gebäude befindet sich in der Potdamer Straße. Welches Haus mögen Sie selbst lieber?

Schneider-Kempf: Ich habe Architektur studiert. Ich mag die offene, freie Gestaltung von Hans Scharoun am Kulturforum. Der Wilhelminische Stil des Hauses Unter den Linden ist mir zu repräsentativ und düster. Aber das wird sich mit dem Umbau ändern.

Berliner Morgenpost: Wo sehen Sie die Staatsbibliothek im internationalen Vergleich?

Schneider-Kempf: Unser Ruf in der Welt ist fantastisch. Im November wurde in Kairo das 160-jährige Bestehen der ägyptischen Nationalbibliothek gefeiert. Ich war dort und konnte unsere Sammlungen ägyptischer Handschriften präsentieren.

Berliner Morgenpost: Dabei steht die deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt/M.?

Schneider-Kempf: Den Kollegen im Ausland ist oft schwer zu vermitteln, dass wir als Berliner nicht die Nationalbibliothek sind. Dabei kommen wir dem Begriff "National" eigentlich viel näher. Das ist schon ein gewisser Etikettenschwindel.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Schneider-Kempf: Die Frankfurter haben den gesetzlichen Auftrag, das deutsche Schrifttum zu sammeln. Sie tun das allerdings auch erst seit 1914. Wir sind eine universal ausgelegte Bibliothek. Wir sammeln seit 350 Jahren aus allen Ländern, in allen Sprachen. Das sind völlig unterschiedliche Ansätze. Man kann die beiden Häuser einfach nicht vergleichen.

Berliner Morgenpost: Inzwischen bemühen sich viele Bibliotheken verstärkt um die Leser.

Schneider-Kempf: Das stimmt. Immer mehr Universitäten bauen ihre Häuser aus. Da wird viel investiert, auch hier in Berlin. Darum ist die Staatsbibliothek auch nicht mehr so überfüllt. Es gab Zeiten, da mussten wir vormittags schließen, weil niemand mehr rein passte.

Berliner Morgenpost: Wer kommt denn hauptsächlich zu Ihnen in die Staatsbibliothek?

Schneider-Kempf: Zu 80 Prozent sind das Studenten, junge Leute. Senioren sieht man hier selten.

Berliner Morgenpost: Haben Sie ein Lieblingsstück?

Schneider-Kempf: Ich sehe mir gerne die Musikhandschriften von Bach an. Ich mag seine Musik, die ist so klar und inspirierend. Wenn Kultur so berühren kann, ist das wundervoll.