Autor Jonathan Lethem

"Realität in Gänze können wir gar nicht aushalten"

| Lesedauer: 6 Minuten

Jonathan Lethems Romane haben sehr viele und doch nur einen einzigen Helden: New York, eine Stadt, die bei ihm zu einem Schmelztiegel der Schicksale und der Popkultur wird. Von New York erzählt auch sein neuer, fantastisch guter und von der Kritik frenetisch gefeierter Roman "Chronic City" (Tropen Verlag, 490 Seiten, 24,95 Euro). Mit dem 47-Jährigen sprach Wieland Freund.

Berliner Morgenpost: In "Chronic City" ist die Stadt nichts anderes als eine Parallelgesellschaft; die der Reichen, der Armen, der Boheme.

Jonathan Lethem: So ist Manhattan, und das habe ich - eigentlich ziemlich realistisch - zu beschreiben versucht. Nehmen Sie Park Avenue, wo ein Apartment 30 Millionen Dollar kostet - eine Welt für sich, die man nie wirklich zu verlassen braucht. Bloß einen Block weiter leben alte Damen, die als Kinder in Auschwitz waren und 850 Dollar Miete zahlen. Wir müssen mit dieser unmöglichen Koexistenz klarkommen. Manhattan ist weder wirklich noch unwirklich, weder erträglich noch unerträglich, weder sympathisch noch albtraumhaft. Es ist nicht entweder/oder, sondern Teil all dieser Wirklichkeiten zugleich.

Berliner Morgenpost: Addieren sich diese Wirklichkeiten noch zu einer gemeinsam erfahrbaren Realität?

Jonathan Lethem: Ich mag nicht sagen, dass es früher einfacher war. Aber es ist komplizierter geworden. Oh, das ist ein schönes Paradox: Ich will nicht sagen, dass es früher besser war, aber es ist ganz bestimmt schlimmer geworden. Doch im Ernst: Wir können nicht mehr so tun, als ließen sich Wirkliches und Unwirkliches noch so ohne Weiteres auseinanderhalten. Wirkliches ist mit Unwirklichem kontaminiert: mit Symbolen, Ideologien, Avataren im Äther, ob man will oder nicht. Trotzdem muss man sich am Hintern kratzen, wenn es juckt. Oder braucht noch eine Tasse Kaffee, weil man sonst vorm Computer einschläft.

Berliner Morgenpost: Ihr Schriftstellerkollege David Shields hat neulich behauptet, der gute alte Roman komme so einer zusammengesampelten Gesellschaft gar nicht mehr bei.

Jonathan Lethem: Ich bin mit Shields befreundet und stimme ihm in jedem Punkt zu - nur in diesem widerspreche ich. Der Roman ist nach wie vor großartiges Instrument, um mit ...

Berliner Morgenpost: ... der Wirklichkeit fertig zu werden?

Jonathan Lethem: Ja. Um fertig zu werden mit der unbestreitbaren Tatsache, dass wir in dieser unseren kleinen Welt festsitzen. Und dass es - unglaublich! - andere kleine Welten gibt, in denen andere Leute festsitzen. Unsere kleine Welt mag uns unwirklich erscheinen und doch wachen wir jeden Morgen wieder in ihr auf. Der Roman ist ein Beutel, der jede Menge Werkzeuge fasst, um das zu bearbeiten.

Berliner Morgenpost: Im Beutel von "Chronic City" finden wir wiederum Werkzeuge von Saul Bellow. Sie beziehen sich oft auf Bellows Roman "Humboldts Vermächtnis".

Jonathan Lethem: Bellow hat ständig Freundschaftsgeschichten geschrieben, und "Humboldts Vermächtnis" ist mir die liebste. Der Geist dieses Buchs hat viele Spuren in "Chronic City" hinterlassen. Aber ich wollte es auch ganz anders machen als Bellow. Ich bin von Bellow begeistert und zugleich lehne ich ihn ab. Ich finde die Kontrolle, die seine Erzählerstimme ausübt, unerträglich. Also habe ich einen Erzähler geschaffen, der hilflos ist und gar nichts im Griff hat. Ich wollte ein explosives, chaotisches Buch schreiben. Es sollte wie das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sein, das ziemlich rumpelig war. Die Geschichte ist mir um 2004 in den Sinn gekommen, als George W. Bush wiedergewählt wurde. Das Nach-9/11-New York kam mir so unwirklich vor. New York verdrängte, suchte Zerstreuung und verlor sich darin. Unter der unwirklichen Oberfläche lauerte die Depression.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Roman erscheint die "New York Times" in zwei Ausgaben, eine davon ist "kriegsfrei".

Jonathan Lethem: Das ist wohl die neue Medienwirklichkeit. Über die Krise der Information, die wir jeden Tag erleben, wenn wir unsere Mailbox öffnen. Aber ich glaube auch, dass dieses Thema ewig alt ist. Unser Bewusstsein ist ein Kollaborateur. Wir alle schaffen im Geiste eine kriegsfreie Ausgabe. Realität in Gänze können wir gar nicht aushalten. Es geht mir weniger um die Zensur der Wirklichkeit durch die Medien als um jene, die von unserem Bewusstsein ausgeübt wird. Der Ansturm von Wirklichkeit verlangt von uns so etwas wie ein präventives Management, eine kriegsfreie Ausgabe des Geistes, damit wir auch weiter so durch unsere Tage schlurfen können.

Berliner Morgenpost: In Ihren Büchern gehen Freunde meist verloren. Wie die Mütter. Oder das Gedächtnis. Und diesmal sogar der Realitätssinn.

Jonathan Lethem: Verlust ist mein Thema. Wieder und wieder und wieder, auch wenn es etwas beschämend ist, wenn sich das eigene Lebenswerk auf ein einziges Wort reduzieren lässt. Man merkt es nur nicht immer gleich. In meinem Roman "Girl in Landscape" habe ich ganz offen über den Tod meiner Mutter geschrieben, aber danach spielt das Buch auf dem Mars, wo ein Cowboyfilm gedreht werden soll, und niemand hat gemerkt, dass ich mich vorher ganz entblößt hatte.

Berliner Morgenpost: Sie haben mittlerweile drei große New-York-Romane geschrieben. Jetzt haben Sie der Stadt den Rücken gekehrt, um in Kalifornien die Professur des verstorbenen David Foster Wallace anzutreten. Vermissen Sie die Stadt?

Jonathan Lethem: Ich bin in Brooklyn aufgewachsen, und als ich die Stadt mit 18 verließ, dachte ich eigentlich, ich wäre mit ihr fertig. Wenn ich jetzt, nachdem ich zurückgekommen bin, wieder gehe, ist das wahrscheinlich nur ein neuer Versuch, ihr zu entfliehen. Ich vermisse die Stadt immer und gehe doch immer aus ihr fort.