Interview mit dem Regisseur Tom Hooper

"Ohne meine Mutter hätte es diesen Film nicht gegeben"

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Der britische Regisseur Tom Hooper über seinen Siegerfilm, über verlogene Zensur-Aufschreie in den USA und die Reaktion der Queen

Berliner Morgenpost: Welch ein Happy End für Ihren Film. Dabei begannen die Arbeiten daran schon vor über 30 Jahren.

Tom Hooper: Da war ich noch nicht mal zehn Jahre alt. Also mit mir konnte das nichts zu tun haben. Aber mit dem Drehbuchautor David Seidler. Der hatte als Kind gestottert und von diesem König gehört, von dem es hieß, er hätte sein Stottern besiegt. Das hat David geholfen. Als er älter wurde, wollte er einen Film daraus machen. Aber Queen Mum, die er um Erlaubnis bat, verweigerte sie ihm. Er musste warten, bis sie starb, um diese Geschichte erzählen zu können.

Berliner Morgenpost: Und nun hören wir, dass es diesen Film wohl nur gegeben hat, weil Ihre Mutter Sie darauf aufmerksam gemacht hat.

Tom Hooper: Stimmt und stimmt doch nicht. Sicher hätte es diesen Film irgendwann mal gegeben. Sicher ohne mich. Aber meine Mutter, die wusste, dass ich immer nach einem Stoff gesucht habe, der englisch und zugleich australisch ist, rief mich eines Tages an und meinte, dass sie gerade meinen nächsten Film gefunden habe.

Berliner Morgenpost: Nun fragen dieser Tage sicher viele: Wie plant man einen solchen Erfolg?

Tom Hooper: Am besten gar nicht. Das alte Schlitzohr Harvey Weinstein sagte sehr zeitig, dass er den Erfolg des Filmes riechen könne. Aber er hat sich in seiner Karriere sicher auch schon ein paar Mal verrochen. Ich weiß nur, dass ich keinen Kommerz im Hinterkopf hatte. Ich wollte einfach dieser Wahnsinnsgeschichte gerecht werden.

Berliner Morgenpost: Ab wann war klar, dass dies kein Flop werden wird?

Tom Hooper: Schon früh. Unser erster Test mit Publikum fand im April in New York statt. Wir bekamen 93 von 100 möglichen Zufriedenheits-Punkten. Leute aus meinem Team, die schon bei "American Beauty" dabei waren, meinten, dass es dieser Film "nur" auf 72 bringen würde - und staunten nicht schlecht. Wir waren dennoch skeptisch und testeten noch einmal in Kansas-City. Aber auch da: exakt das Gleiche.

Berliner Morgenpost: Und dann kamen auch schon bald die ersten Oscar-Rufe.

Tom Hooper: Exakt. Mir war das alles unheimlich. Aber so funktionieren die Dinge heute nun mal. Man kann versuchen, sich tolle Kampagnen für die Oscars zu überlegen, die ein Schweinegeld kosten. Oder man hat ein begeistertes Testpublikum, dass einen sofort - ohne dass man etwas machen kann - zum Oscar-Favoriten macht. Überlegen Sie mal: im September! Ich habe danach immer noch versucht zu bremsen. Aber irgendwann wird man dann von der Welle der Euphorie überrollt!

Berliner Morgenpost: Aber dann kommt der Film in die Kinos. Und da kann es doch Ärger geben.

Tom Hooper: Sie meinen sicher die Diskussion in Amerika, in einer Szene etwas zu verändern.

Berliner Morgenpost: Richtig. Die Szene mit den F-Wörtern.

Tom Hooper: Das ließ ich nur sehr ungern geschehen. Wer schneidet schon in seinem eigenen Film herum, wenn alle sagen, er sei großartig. Ich meine, das ist doch eine verlogene Diskussion. "True Grit" - nichts gegen diesen Film. Aber mit Eltern können Kinder in diesen Western, in dem Augen ausgeschossen werden, in dem man eine Leiche sieht, die von Schlangen zerfressen wird und ein Mädchen beißt. Und nur, weil unser König ein paar mal "Fuck" sagt, wohl gemerkt nicht in einem sexuellen, sondern in einem Therapie-Kontext, mussten wir aktiv werden. Absurd!

Berliner Morgenpost: Und mag das Königshaus Ihren Film?

Tom Hooper: Seit Monaten werde ich das immer wieder gefragt. Meine Antwort war immer: Keine Ahnung! Dann schlage ich eines Tages die Zeitung auf und lese, dass die Queen ihn gemocht hat. Immerhin! Es wäre schön gewesen, das persönlich zu erfahren.

( Das Interview führte Peter Beddies )