Tatort: Leben gegen Leben

Der einsame Wolf trifft auf eine Gleichgesinnte

Schon die Art, wie Mehmet Kurtulus in seinen Schuhen mit hohen Absätzen geht, sagt dem Zuschauer unmissverständlich: Dieser Mann hat Großes vor. Er muss ein Geheimagent sein, ein verdeckter Ermittler, eine doppelte Existenz, er muss in der Gefahr leben und nicht lange an einem Ort, und wenn es die Identität verlangt, muss er einen Schnauzbart tragen und einen Serben mimen.

Mehmet Kurtulus spielt Cenk Batu - und der spielt in jedem seiner "Tatort"-Filme eine fiktive Figur mit Migrationshintergrund. "Keine Angst, sein Vater ist früh gestorben, er spricht nur Deutsch", sagt der Vorgesetzte Uwe Kohnau (Peter Jordan) über Batus jüngstes Alias.

Die Hamburger Fälle des türkischen Kommissars atmen stets die Spannung des uneigentlichen Lebens. Anders als etwa bei den bräsigen Kölner Ermittlern steht bei Cenk Batu immer das Leben auf dem Spiel. Seine Wohnung ist kahl, er hatte mal ein Schachbrett, er hält sich ein paar Fische, die häufiger ersetzt werden müssen. Er blickte mal auf kühle Glasfassaden, jetzt blickt er auf die Hamburger Alster. Überhaupt wird in "Leben gegen Leben" viel auf Hamburg geblickt: Hammerbrook, der Hafen, ein "altes Zollamt", sogar die Alster-Arkaden bieten wunderbare Kulissen für das Geschehen, wenngleich ihre Funktion im Film oft rätselhaft bleibt. Sogar in überfüllten Bussen treffen sich Batu und Kohnau zu Besprechungen.

Regisseur Nils Willbrandt, der auch das Drehbuch schrieb, nimmt Anleihen bei einer der anrührendsten und gewagtesten Freundschaften der deutschen Krimi-Geschichte: 1982 kümmert sich Götz George als Horst Schimanski um "das Mädchen auf der Treppe", das von der Mutter verlassen wurde und nun bei dem raubauzigen Polizisten einzog - der in der zickigen Pubertierenden einen wahren Kumpel entdeckte. Auch in "Leben gegen Leben" erkennt der Mann ohne Bindung sich in dem Mädchen ohne Zuhause - zwei Streuner begreifen fast ohne Worte, dass man ihnen Zitronen angedreht hat.

Drei Monate hatte Cenk Batu bei seinem Vater in der Türkei verbracht, nun rollt er entspannt eine große Kiste mit Spezereien aus der fremden Heimat über den Flughafen. Aber schon diese ersten Bilder sind durchschossen von Szenen, die zeigen, wie er von einer Bande von Organhändlern als Kurierfahrer engagiert wird. Das ist insofern nicht plausibel, als der Kurier einige Bewacher hat, die ja ihrerseits als Chauffeure arbeiten könnten, wenn sie nicht Batu kontrollieren müssten. Der soll die Ausreißerin Amelie zu einer sinistren Operation transportieren - ein zahlungskräftiges Ehepaar will ihrer Tochter eine schnelle Nierentransplantation ermöglichen. Amelie ist allerdings ein widerborstiges Opfer: Vom Vater verstoßen, reagiert sie trotzig auf Batus Mitleid. Seine unentschlossen vorgetragene Interpretation des Schurken mit Herz, der schon mal eine Zigarette spendiert, nutzt sie zum Griff ins Lenkrad, woraufhin das Auto ausbricht, Batu verletzt wird und das Mädchen flüchtet. Nun muss der Ermittler den Auftraggebern beweisen, dass er ein zuverlässiger Mann ist.

Schon die Prüfung, seine Geschichte der Ereignisse rückwärts zu erzählen, besteht er nur mit Mühe - und immer muss er das eine tun, ohne das andere zu lassen. Amelie bringt er bei einer befreundeten Familie unter, um etwas Zeit zu gewinnen. Doch schließlich muss er das Mädchen ausliefern, um die Organhändler fassen zu können. Leider hat das gewaltige leere Gebäude, in dem die Operation stattfinden soll, sieben Etagen. Und Amelie weiß, was ihr bevorsteht. "Wie heißt du eigentlich wirklich?" fragt sie, dann stimmt sie dem Wagnis zu. Erst hier wird der Film etwas kolportagehaft und hanebüchen.

Wenn dann aber der Regen kommt und den Schmutz von den Hamburger Straßen wäscht, wenn Cenk Batu in der U-Bahn sitzt und einen Rapper "Du wirst aufstehen und kämpfen jeden Tag" skandieren hört, und wenn schließlich ein Lächeln über sein Gesicht huscht - dann ist Mehmet Kurtulus, der einsame Wolf, ganz bei sich. Bis zur nächsten Identität.

Tatort: Leben gegen Leben ARD, heute, 20.15 Uhr