Justin Bieber

Kleiner Mann, was nun?

Man fragt sich fast, was gewesen wäre, wenn kein grippaler Infekt sich als dramaturgisch wertvolle Hürde vor Biebers großen Auftritt gelegt hätte. Dabei war eine spannungsfördernde Maßnahme gar nicht nötig. Die Bebilderung von Justin Biebers wundersamer Karriere zum größten Teeniestar seiner Zeit bietet so viel Unterhaltungswert, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt - auch wenn man seine Pubertät bereits hinter sich hat.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes aus dem beschaulichen Städtchen Stratford in der kanadischen Provinz Ontario. Bieber wächst mit seiner Mutter Pattie Mallette in bescheidenen Verhältnissen auf, die Eltern trennen sich kurz nach seiner Geburt. Wenn er nicht mit Fußball oder Hockey beschäftigt ist, spielt er Gitarre, Schlagzeug, Klavier und Trompete - wie das geht, hat er sich selbst beigebracht, im Gemeindehaus standen die Instrumente herum. Weniger begabte Kinder würden von ihren Müttern von Castingshow zu Castingshow gezerrt werden. Pattie Mallette, eine wiedergeborene Christin, betet zu Gott, dass ihr Sohn zu einem modernen Propheten Samuel heranwächst, zur Stimme seiner Generation - noch ahnt sie nicht, in welcher Form ihre Gebete erhört werden.

Erstes selbst verdientes Geld Mit zwölf setzt sich Bieber mit der Gitarre vor das örtliche Theater und spielt sich als Straßenmusiker dreitausend kanadische Dollar zusammen, wovon eine Reise nach Disneyland bezahlt wird, der erste Urlaub der Familie. Bei Talentwettbewerben singt er Lieder von Aretha Franklin, Alicia Keys und Ne-Yo. Und weil die Verwandtschaft das sehen will, aber quer über Kanada verteilt wohnt, lädt seine Mutter die entsprechenden Videos bei YouTube hoch. Dort werden sie zufällig vom jungen Musikmanager Scooter Braun entdeckt, der sofort die Fahndung aufnimmt, was Biebers Mutter, als Braun ihn findet, wiederum entsetzt. "Gott, du willst doch nicht, dass Justin diesem jüdischen Jungen folgt, oder?", erinnert sie sich - was im Film aus Rücksicht auf religiöse Gefühle keine Erwähnung findet, aber passiert ist.

Einflussreicher als der Dalai Lama

Mittlerweile hat Justin Bieber hundert Millionen Dollar verdient, vier American Music Awards gewonnen, zwei Grammy-Nominierungen erhalten und für Präsident Obama ein Weihnachtslied gesungen. Er hat mehr als 15 Millionen Facebook-Freunde und knapp siebeneinhalb Millionen Menschen folgen ihm bei Twitter. Vor wenigen Monaten meldete Twitter, dass drei Prozent des gesamten Twitter-Verkehrsaufkommens - eine unvorstellbare Menge - auf Bieber zurückgeht. Laut Klout, einem Social-Media-Index, ist Bieber im Netz einflussreicher als der Dalai Lama und Lady Gaga. "Never Say Never" springt zwischen Biebers Anfangstagen und der Tour 2010 hin und her und liefert zwischendurch Einblicke in das Alltagsgeschäft eines omnipräsenten Stars.

Im Alter von 13 wird Bieber von Scooter Braun und seinem Geschäftspartner, dem R&B-Star Usher, unter Vertrag genommen, die erste Single "One Time" erscheint rund zwei Jahre später. Doch bis dahin lässt Braun seinen Schützling weiter Videos ins Netz stellen, wobei er darauf achtet, dass mit billigen Kameras gedreht wird, damit das Ergebnis authentischer wirkt. Als die erste Single auf den Markt kommt, tingelt Bieber von Radiostation zu Radiostation - laut "Never Say Never" soll es in den gesamten Vereinigten Staaten keinen Radiomoderatoren geben, bei dem er nicht vorstellig wurde. Parallel twittert er, wo er wann zu erwarten ist. Bald werden die Sender von Heerscharen kleiner Mädchen belagert, im November 2009 führt der Ansturm von dreitausend wild entschlossenen Fans zur Absage eines Auftritts in einer Shopping Mall in Long Island. Die Polizei ist von der Aufgabe, gegen Massen hysterischer Kinder vorzugehen, überfordert. Erst nach einer Twitter-Nachricht von Bieber - "Geht nach Hause, sonst nehmen sie mich fest!" - gelingt es, die Menge aufzulösen.

Ehrliche Mädchentränen Es ist natürlich ein Leichtes, sich über das Kreischen der Pubertierenden lustig zu machen, über die Netzbeiträge ("Ich denke 99 Prozent des Tages an Justin!" - "Eines Tages werde ich ihn heiraten, so viel steht fest!"). Das wäre allerdings ziemlich erbärmlich. Wenn kleine Mädchen Justin Bieber hinterherweinen sind ihre Tränen genauso kostbar wie die Gedanken, die sich erwachsene Männer bei Bob-Dylan-Konzerten machen, wenn Dylan ohne ersichtlichen Grund die zweite Strophe eines Liedes weglässt, das er seit 1973 nicht mehr vor Publikum gespielt hat.

Für das psychische Wohlbefinden keines 16-Jährigen kann es von Vorteil sein, bei jedem Auftritt Chören schreiender Mädchen ausgesetzt zu sein, weshalb sein Umfeld sich alle Mühe gibt, den Irrsinn halbwegs verdaulich zu gestalten. Die Rollen sind verteilt wie in einer Familie. Manager Scooter Braun und Usher sind die strengen, großen Brüder, die Gesangslehrerin Jan Smith, die er Mama Jan nennt, ist eine Art Ersatzmutter, und Ryan Good, sein "Swagger Coach", der ihn in der Kunst des coolen Schlurfens unterrichtet, der lustige und verantwortungslose Vater.

Duett mit Miley Cyrus

Wenn Bieber frech wird, dann ist immer sofort ein Bodyguard zur Stelle, klemmt ihn sich unter den Arm und trägt ihn fort. Einmal sieht man Bieber im Haus seiner Großeltern. Als Freunde ihn zum Basketballspielen abholen wollen, ermahnt ihn die Oma: "Aber erst räumst du dein Zimmer auf."

Später steht Bieber mit seiner Teeniestarkollegin Miley Cyrus auf der Bühne des Madison Square Garden und singt ein Duett. Bieber schmettert, als könnte er sich gerade nichts Schöneres im Leben vorstellen, während Cyrus, die nie etwas anderes war als Promikind und Kinderstar, abgeklärt umherstolziert, als wäre sie nicht 18, sondern 38 Jahre alt. Bei Bieber ist hingegen noch alles in bester Ordnung, lautet die Nachricht des Films. Aber Justin Bieber steht auch erst am Anfang seiner Karriere, er ist ja noch so jung.

Der Film "Justin Bieber: Never Say Never" startet am 10 März.